Anhaltisch- russische Schnittpunkte durch Katharina II. in Bogorodizk wiederbelebt

Anhaltisch- russische Schnittpunkte durch Katharina II. in Bogorodizk wiederbelebt

Bogorodizk ist eine zirka 32 000 Einwohner zählende russische Kleinstadt, gelegen etwa 65 km südöstlich von Tula, wo die bekannten russischen Samoware hergestellt werden.
Wodurch erregte die Stadt Bogorodizk meine Aufmerksamkeit? Dadurch, dass im Juni 2015 in den russischen Medien zu lesen war, dass die dortigen politischen Entscheidungsträger in Sachen Kultur und Tourismus beschlossen, die Schloss- und Parkanlage Bogorodizk, die auch Tulaer Peterhof genannt wird, zu restaurieren. Dafür stellen die russische Regierung und das Gouvernement Tula insgesamt 65 Millionen Rubel (zurzeit zirka 830 000 Euro) zur Verfügung.
Im Zuge der geplanten Restaurierungsmaßnahmen soll nicht nur Verlorengegangenes wieder hergestellt, sondern auch ein Denkmal für die aus dem einstigen Fürstentum Anhalt- Zerbst stammende Zarin Katharina II. errichtet werden. Die offizielle Grundsteinlegung für das Denkmal erfolgte bereits Anfang des Sommers im Beisein lokaler Politprominenz.

Warum ein Denkmal für Katharina II. in Bogorodizk, in einem Ort, der 1663 von Zar Alexei Michailowitsch (1629- 1679), dem Vater von Zar Peter dem Großen, als Grenzbefestigung zum Schutz gegen Überfälle seitens der Krimtataren gegründet worden war?
Der Ort Bogorodizk ist eng mit der Geschichte der Grafen Bobrinski verknüpft. Als Begründer dieser Dynastie gilt Graf Alexei Grigorjewitsch Bobrinski (1762- 1813), der jüngste Sohn von Zarin Katharina II, geborene Prinzessin von Anhalt- Zerbst.

Porträt Graf Alexei Bobrinski von C.L.J.Christineck
Porträt Graf Alexei Bobrinski von C.L.J.Christineck (1732- 1792), ca. 1770

Sein Vater war Fürst Grigori Orlow (1734- 1783). Aufgrund seiner strittigen Herkunft wurde Alexei Bobrinski fern vom Zarenhof erzogen, obwohl er im Petersburger Winterpalais das Licht der Welt erblickt hatte.

Porträt Fürst G. Orlow
Porträt Fürst G. Orlow von F. Rokotow (1736-1800)

In Begleitung des in russischen Diensten stehenden Neapolitaners José de Ribas (1751- 1800), der sich große Verdienste um die Stadt Odessa erworben hatte, wurde Alexei Bobrinski im Jahr 1770 zum Studium nach Leipzig geschickt.

Porträt de Ribas, von J.B. Lampi d.Ä.
Porträt de Ribas, von J.B. Lampi d.Ä.

 

Denkmal für de Ribas in Odessa
Denkmal für de Ribas in Odessa

Nach weiteren mehrjährigen Aufenthalten in Paris und London holte ihn seine Mutter, die Zarin, ins Russische Reich zurück, wo er in Reval (heute Tallinn/ Estland) Anna Dorothea von Ungern- Sternberg (1769- 1846), die Tochter des dortigen deutschstämmigen Festungskommandanten, heiratete.

Countess Anna Bobrinskaya
Countess Anna Bobrinskaya, um 1796

1794 erwarb das Ehepaar das nahe der Stadt Dorpat (heute: Tartu/ Estland) gelegene Schloss Oberpahlen (heute: Põltsamaa/ Estland), das 1941 ein Opfer der Flammen wurde.

Marmorsal in Schloss Oberpahlen
Marmorsal in Schloss Oberpahlen um 1900

Doch zurück zur Stadt Bogorodizk, der 1777 das Stadtrecht verliehen wurde. Dort begann man ab 1793 nach Plänen des russischen Architekten Iwan Starow (1744- 1846) ein Schloss zu bauen, das den Grafen Bobrinski später als Wohnsitz diente.

Zu den Verdiensten der Grafen Bobrinski zählt die Gründung von erfolgreich arbeitenden und auf das Modernste eingerichteten Zuckerfabriken in und um Bogorodizk, vor allem durch Alexei Alexejewitsch Bobrinski (1800- 1868), Enkel von Katharina II., der auch auf eigene Kosten Lehrstellen für Zuckersieder, schuf., was in den Mitteilungen der Freien Ökonomischen Gesellschaft zu St. Petersburg 1854 lobend erwähnt wird. Dafür wurde ihm auch die Goldene Medaille dieser Organisation verliehen.

Porträt Graf Alexei Alexejewitsch Bobrinski von P.F. Sokolov, 1870er
Porträt Graf Alexei Alexejewitsch Bobrinski von P.F. Sokolov, 1870er

Katharinas Urenkel Alexei Pawlowitsch Bobrinski (1826- 1894) setzte das Werk seines Onkels fort und außerdem bemühte er sich insbesondere um den Anschluss von Bogorodizk an das russische Eisenbahnnetz, der 1874 erfolgte.
Trotz ihrer nicht so standesgemäßen, aber gleichzeitig kaiserlichen Abstammung fanden die Mitglieder der gräflichen Familie Bobrinski stets Eingang in die alteingesessene Hocharistokratie Russlands. So heiratete Maria Alexejewna Bobrinskaja (1798- 1835), Katharinas Enkelin, den Fürsten Nikolai S. Gagarin 1784- 1842), seinerzeit Vizepräsident des Kaiserlichen Kabinetts. Vertreter der Grafen Bobrinski fanden sich ebenfalls in den Reihen angesehener Staatsmänner und Militärs, Wissenschaftler und fortschrittlicher Unternehmer Russlands.
Dadurch, dass die Grafen Bobrinski eine geborene Prinzessin von Anhalt- Zerbst zur Ahnenfrau hatten, stellen sie durchaus einen Zweig des Stammbaums der Askanier dar.

Schloss Zerbst
Schloss Zerbst

Begeistert war Graf Nikolai Nikolajewitsch Bobrinski (1927- 2000), ein Ururururenkel von Zarin Katharina II., auch über die Absicht in Zerbst Zarin Katharina II. ein Denkmal zu setzen. Zu jener Zeit befand sich das Zerbster Denkmalprojekt noch in der anfänglichen Planungsphase. Und nun erhält Bogorodizk, der Stammsitz seiner Familie, ebenfalls ein Katharinadenkmal.

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Die deutsche Heimat seiner Vorfahrin Katharina II. kennen lernen, das wollte der bereits erwähnte Graf Nikolai Nikolajewitsch Bobrinski (1927- 2000), Ururururenkel von Zarin Katharina II., so besuchte er im Jahr 1997 die Stadt Zerbst, wo er Kontakt zum Internationalen Förderverein „Katharina II.“ Zerbst e.V., dem ich von 1999- 2009 vorstand, aufnahm und die Zerbster Sammlung Katharina II. in Augenschein nahm. Seine Bekanntschaft hatte ich im Jahr zuvor in St. Petersburg während einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz anlässlich des 200. Todestages Katharinas II. gemacht. Ein weiteres Mal traf ich ihn im Winter in 1999 in Moskau. Nikolai Nikolajewitsch Bobrinski, mit dem ich auch einige Zeit im Briefwechsel stand, war Mitglied der Russischen Adelsversammlung. Ich lernte ihn als einen Menschen kennen, der über profunde Kenntnisse nicht nur seiner Familiengeschichte, sondern auch der Geschichte Russlands verfügte, obwohl er Geologe von Beruf war.

Autorin Annegret Mainzer trifft Nikolai N. Bobrinski 1999 in Moskau
Autorin Annegret Mainzer trifft Nikolai N. Bobrinski 1999 in Moskau

Anlässlich der kürzlich in Bogorodizk erfolgten Grundsteinlegung erklärte Jewgeni Barinow, Oberhaupt der dortigen Rayonverwaltung: „Heute öffnen wir eine Seite der Historie von Bogorodizk. Die Skulptur Katharinas II. (…) wird die Schönheit und Behaglichkeit unserer Stadt symbolisieren.“
Mit der Errichtung eines Denkmals für Zarin Katharina II. in Bogorodizk wird ein weiterer gemeinsamer Schnittpunkt nicht nur in den Jahrhunderte währenden anhaltisch- russischen, auch in den deutsch- russischen Beziehungen wiederbelebt. Und das ist meines Erachtens in unseren unruhigen Tagen von unschätzbarem Wert, da die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland momentan starken Belastungen ausgesetzt sind.

Zerbst, den 02.09.2015                                                                                            Annegret Mainzer, Zerbst

Information vom 04.09.2015

Wie den Medien in Russland zu entnehmen war, wurde das Denkmal für Katharina II. in Bogorodizk am 29. August 2015 im beisein von Frau Tajana Rybkina, Ministerin für Kultur und Tourismus im Tulaer Gebiet, festlich eingeweiht. Gegossen wurde die bronzene 2 m hohe  Statue der Zarin in Toljatti. Sie stammt vom Bildhauer Dimitri Wlasow. Die bronzene Statue und der Sockel aus Granit haben ein Gesamtgewicht von 10 Tonnen.

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