Russland ist anders – Deutschland auch

Russland ist anders – Deutschland auch

Über das Forum „Russland – Feind oder Partner? Unsere Beziehungen zur Großmacht im Osten“ in Magdeburg

Annegret Mainzer, Zerbst

Seit dem Jahr 2008 organisiert die Stadtverwaltung Magdeburg unter dem Titel Wissenschaft und Gesellschaft Vorträge und Diskussionsforen zu jeweils aktuell politischen Themen. So konnten im Jahr 2009 der deutsche Astronaut Thomas Reiter und 2013 die Nobelpreisträgerin Prof. Christiane Nüsslein-Volhard in der Ottostadt an der Elbe begrüßt werden.

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In diesem Jahr lud Magdeburg zu einem öffentlichen Forum zur Fragestellung Russland – Feind oder Partner? Unsere Beziehungen zur Großmacht im Osten ein. Kompetente Fachleute hatten die Organisatoren auf das Podium in der voll besetzten Johanniskirche gebeten: Matthias Platzeck, Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums e.V., Klaus Olbricht, Präsident der IHK Magdeburg, Professorin Gudrun Goes, Slawistin und Kulturwissenschaftlerin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, sowie Bernd Großheim, ehemaliger ARD-Korrespondent in Moskau. Die Moderation des Forums lag in den bewährten Händen der seit drei Jahren in Moskau lebenden TV-Journalistin Kerstin Palzer.

Den diplomatischen Faden wieder aufnehmen

Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper begrüßte die zahlreichen Besucher, unter denen auch einige Zerbster mit ihrem Bürgermeister Andreas Dittmann waren. In seiner Begrüßung erinnerte Magdeburgs OB einerseits an die Zeit des Kalten Krieges, andererseits auch an die allgemeine Freude über die deutsche Wiedervereinigung, aber bezugnehmend auf das Heute mahnte er, den abgerissenen diplomatischen Faden zwischen Europa und Russland wieder aufzunehmen, miteinander zu reden und nicht nur darüber nachzudenken, wie NATO-Truppen am schnellsten ins Baltikum verlegt werden können, was seitens des Publikums mit lautem Beifall honoriert wurde.

Die Basis für die sich anschließende Diskussion boten einleitende Ausführungen von Matthias Platzeck. Gleich zu Beginn kündigte er an, wenig darüber zu sagen, was die russische Regierung falsch gemacht habe, denn Kritik an Russland stelle zurzeit keine Marktlücke dar. Im gleichen Atemzug verwies er auch darauf, dass er nicht alles, was in Russland passiere, gutheiße.

Eine differierende Russlandrezeption in Ost und West

Anhand der von Oktober 2016–Januar 2017 auf der Burg Hohenzollern gezeigten Ausstellung 300 Jahre Beziehungen Romanow & Hohenzollern unterstrich Platzeck die jahrhundertlange tiefe Verbundenheit von Deutschen und Russen. Seiner Meinung nach seien europäische Kunst und Kultur nicht möglich gewesen ohne den mannigfaltigen Einfluss aus dem Osten. Des Weiteren führte er dem Auditorium vor Augen, dass bei uns die Wahrnehmungen Russlands differieren: Auf der einen Seite verklären wir Russland, sprechen von der sogenannten russischen Seele und Spiritualität, auf der anderen Seite assoziieren wir mit Russland – Kälte, Sibirien, das Barbarische, wo das Individuum nichts gilt. Auch in Ost- und Westdeutschland gibt es eine sich unterscheidende Russlandrezeption, oft verstünden die Westdeutschen nicht, weshalb die Ostdeutschen Sympathien für Russland hegten, obwohl sie 40 Jahre lang unter sowjetischer Besatzung leben mussten.

Matthias Platzeck, Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums e.V.
Matthias Platzeck, Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums e.V.

Russland ist anders, Deutschland auch

Matthias Platzeck unternahm den nicht einfachen Versuch zu erklären, warum Präsident Wladimir Putin unter seinen Landleuten enormen Rückhalt und Unterstützung findet, was manchen Europäer verwundern mag. Dabei erinnerte der Redner an die 90er Jahre, an den Zerfall der Sowjetunion, der nach seinen Worten einen wilden ungezügelten Kapitalismus in Russland hervorbrachte, in dessen Folge einige Wenige sehr reich wurden, die man heute die Oligarchen nennt. Erst als Putin Jelzin als Präsident ablöste, gab es in Russland eine wirkliche Chance für die Wiederherstellung einer sicheren und stabilen Staatlichkeit. Für die Russen bedeute Wladimir Putin Sicherheit und Stabilität, so Platzeck. Und so passten unsere westeuropäischen Maßstäbe nicht immer, setzte Platzeck sein Russland-Plädoyer fort, wofür es zustimmenden Applaus gab. Nach Meinung Platzecks seien folgende 5 Aspekte zu bedenken, wenn man über die heutigen Beziehungen zwischen Europa und Russland diskutiere: Der zuerst zu nennende Aspekt sei unser Triumphalismus, denn nach der Wiedervereinigung hätten wir zu sehr die Wir-haben-gewonnen-Mentalität herausgekehrt und Russland dabei an den Rand gedrängt. Des Weiteren gebe es strukturelle Fehler in der Vermittlung unseres Wertsystems, zu oft belehrten wir mit erhobenem Zeigefinger, führt Platzeck weiter aus. Auch in unserer Gedenk- bzw. Erinnerungsmatrix sollten wir sensibler werden. Während es z.B. aus Anlass des 70. Jahrestages zur Landung alliierter Streitkräfte in der Normandie offizielle Feierlichkeiten gab, wurde des 75. Jahrestages des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion nicht gedacht, auch nicht seitens der Bundesregierung. Das werde auch in Russland wahrgenommen, so Platzeck. Die Aspekte vier und fünf betrafen die Ukraine-Krise und die Sanktionen. Laut Platzeck könnten sie nicht bewertet werden, ohne die Vorgeschichte zu bewerten. Hierbei seien gravierende Fehler unterlaufen und auch er habe keine Lösung für die gegenwärtige Situation parat.

Abschließend bezog Matthias Platzeck sich auf Wladimir Putins Rede vor dem Bundestag im Jahr 2001, als dieser einen Platz für sein Land in der europäischen Sicherheitsarchitektur auf gleicher Augenhöhe einforderte. Zudem riet Matthias Platzeck zu einem Blick in die Geschichtsbücher. – Lang anhaltender und anerkennender Beifall dafür in der Magdeburger Johanniskirche.

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Russlands Identitätssuche bereits abgeschlossen?

In der sich anschließenden Diskussion zeigte sich, dass die Teilnehmer persönlich wie beruflich in unterschiedlichen Bereichen mit Russland in Berührung kommen. Während Politiker und Geschäftsleute wie Platzeck und Olbricht zum Beweis oder zum Widerlegen der einen oder anderen These aktuelle Zahlen aus der Wirtschaft parat haben, beruft sich die Kulturwissenschaftlerin Goes auf Dostojewski, Gogol, Leibniz und Peter I.. Die in Russland arbeitenden Medienvertreter Palzer und Großheim bereicherten die Diskussion mit persönlichen Erlebnissen vor Ort. Somit wurde eine Vielfalt von Aspekten ins Spiel gebracht.

Laut Platzeck war Russland erst in der kommunistischen Klammer und finde sich jetzt wieder in der Klammer der russisch-orthodoxen Kirche. Dem widersprach Prof. Goes. Sie meinte, Russlands Identitätsfindung sei noch nicht abgeschlossen.

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Sanktionen und Gegensanktionen- wer leidet darunter?

Von Kerstin Palzer nach den gegenwärtigen Beziehungen zwischen Sachsen-Anhalt und Russland befragt, antwortete IHK-Präsident Olbricht kurz: „Es könnte besser laufen.“ Seiner Ansicht nach würden nur die einfachen Leute in Russland darunter leiden. Und man solle sich bewusst machen, dass es für Russland auf der Welt noch andere Handelspartner gebe, nicht nur Europa., führte der IHK-Präsident weiter aus. Trotz des zurzeit rauen Klimas zwischen Europa und Russland halte man in Magdeburg an der Fortsetzung guter Kontakte nach Samara und Togliatti fest, so Olbricht. Der ehemalige ARD-Korrespondent in Moskau Großheim hielt nach eigenen Beobachtungen dagegen, dass die einfachen Menschen weniger von den Sanktionen, jedoch mehr von den Gegensanktionen betroffen seien, da u.a. das Angebot an Käse, Obst und Gemüse sich verringerte und demzufolge eine Preissteigerung nach sich zog. Laut Großheim würden die Begriffe Sanktionen und Gegensanktionen oft von deutschen Medien in einem Atemzug genannt.

Allerdings trat während der Diskussion klar zutage, dass die derzeitige durch Sanktionen und Gegensanktionen ausgelöste schwierige Situation für Russland eine Chance in sich birgt, die auch bereits zum Teil genutzt wird. Konkret gesagt, momentan erfährt die Landwirtschaft in Russland einen Aufschwung und Investitionen, Das Land nutzt eigene Ressourcen. Und wer weiß, ob bei Aufhebung von Sanktionen und Gegensanktionen die Handelsbeziehungen so weiter geführt werden können wie vorher?

Auch das Thema einer möglichen teilweisen Visafreiheit u.a. für den Studentenaustausch kam zur Sprache. Visafreiheit in verschiedenen Bereichen entkrampfe vieles, darin waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig.

Fazit des Abends: Viele Probleme in den zurzeit schwierigen Beziehungen zwischen Europa und Russland wurden konkret angesprochen, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Zahlreiche Erklärungsversuche abgegeben und anhand von Beispielen aus dem Leben illustriert, jedoch keine konkrete Lösung angeboten, außer den Appell an alle, Russland nicht außen vor zu lassen, sondern über Kontakte aller Art, miteinander zu reden und die Verbindungen zu halten. Denn Deutschland und ganz Europa brauchen Russland, um den künftigen Frieden zu gewährleisten.

Einladung zum KATHARINA-FORUM 2017

Deutsch-Russischer Wirtschaftsdialog des Landes Sachsen-Anhalt in Zerbst/Anhalt – Heimatstadt Katharinas der Großen vom 31.05. bis 01.06.2017

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 Zerbst, den 24.Februar 2017

 

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Chor „Heiliger Wladimir“ aus Moskau mit gesungenen Gebeten in Zerbst

Chor „Heiliger Wladimir“ aus Moskau mit gesungenen Gebeten in Zerbst

von Annegret Mainzer, Zerbst

Immer des Sommers geht der seit 1993 bestehende Moskauer Männerchor Heiliger Wladimir unter Leitung und Dirigat von Nikolai Boglewski auf Deutschlandtournee, um einerseits den deutschen Musikinteressierten mit geistlichen und weltlichen A-capella-Gesängen aus Russland zu erfreuen und um andererseits Geld zur Unterstützung des Moskauer Wladimir-Kinderkrankenhauses zu sammeln.

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So konnte der Zerbster Kantor Tobias Eger am diesjährigen dritten Augustsonntag zum wiederholten Male den Moskauer Männerchor Heiliger Wladimir in der Hof-und Stiftskirche St. Bartholomäi zu Zerbst/Anhalt begrüßen. Die Moderation des Konzertes lag in den bewährten Händen von Dr. Heinz Wehmeyer, der Projekte der Deutsch-Russländischen Gesellschaft mit Sitz in Lutherstadt-Wittenberg betreut.

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In der ersten Konzerthälfte thematisierte der Chor Heiliger Wladimir musikalisch das Thema der Taufe in der orthodoxen Kirche. Einführend erläuterte Dr. Wehmeyer, worin sich die Taufzeremonie in der russisch-orthodoxen Kirche von der in den Kirchen des christlichen Abendlandes unterscheidet. So sang der Chor mit vollem Stimmeinsatz eine der Gottesmutter bzw. der Gottesgebärerin – Богородица – gewidmete Hymne.

Darauf folgte Der große Lobgesang, der den zwei heilig gesprochenen Mönchen Savati und Zosima gewidmet ist. Savati und Zosima haben auf der Insel Solovki ein Kloster gegründet und erlangten auch als Heiler Bekanntheit. Den großen Lobgesang, ein gesungenes Gebet, boten die sechs Chorsänger sehr einfühlsam als Bittgesang dar: Herr, erbarme dich unser, Herr zu dir kommen sie, Herr vergiss uns nicht.

In seiner Moderation machte Dr. Wehmeyer darauf aufmerksam, dass in der orthodoxen Kirche Taufen in sogenannten kleinen Taufkirchen mit dreimaligem Unterwassertauchen des Täuflings stattfinden. Am Morgen nach der Taufe kann der Täufling am Abendmahl teilnehmen. Es erklang nun als Vorbereitung auf das Abendmahl die Cherubim- Hymne Gnade des Herrn.

Die Tenor-, Bariton -und Bassstimmen der Chorsänger ließen anschließend sehr harmonisch den an die heilige Anastasia erinnernden Gesang Würdig ist ertönen. Der geistliche Teil des Konzerts fand seinen Abschluss in dem Lied Herr, du bist meine Erleuchtung.

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Aber auch der zweite Teil des Konzerts, d.h. der volksliedhafte Teil war geprägt von tiefer Gläubigkeit der Russen. Die 12 Räuber, aus der Feder von Nekrasov, wurden sehr gefühlvoll vom Bariton Valerie zu Gehör gebracht. Darauf folgten das Lied Auf der heiligen Erde und eine Kosakenromanze.

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Eine zum Greifen nahe Stille erfüllte den Kirchenraum von St. Bartholomäi, als der Tenor Lew Krasowitzki das laut Dr. Wehmeyer wohl schönste russische Lied Eintönig tönt das Glöckchen sang. Dieses Solo honorierte das Zerbster Publikum mit viel Beifall.

Gänsehautgefühl rief auch der Tenor Eugen Ung mit seiner erhabenen und gefühlsbetonten Interpretation des Liedes Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben… in deutscher Sprache hervor.

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Eine musikalisch Mahnung des Chores an die Politiker unserer Tage. Vollkommen in seinen Bann zog Tenor Lew Krasowitzki das Zerbster Publikum mit seiner feinbesaiteten und malerischen Darbietung des hoffnungsspendenden Wolgaliedes des Zarejewitschs Alexej, das einst von Franz Lehar komponiert wurde.

Es steht ein Soldat am Wolgastrand,
Hält Wache für sein Vaterland.
In dunkler Nacht allein und fern
Es leuchtet ihm kein Mond, kein Stern.!

..

Hast du dort oben vergessen auf mich?
Es sehnt doch mein Herz auch nach Liebe sich.
Du hast im Himmel viel Engel bei dir! Schick doch einen davon auch zu mir .         

DSCN3487Chorleiter Nikolai Boglewski und Dr. Heinz Wehmeyer entließen die Zerbster nicht, ohne dass sie darauf hinwiesen, dass das Moskauer Wladimir-Kinderkrankenhaus von Dr. Carl Andreas Rauchfuss, dem bedeutendsten Kinderarzt Russlands im 19. Jahrhundert konzipiert worden war. Dr. Rauchfuss war der Sohn eines Zerbster Schneidermeisters gewesen.

Zerbst freut sich jetzt schon auf das Konzert des Chores Heiliger Wladmir im August 2017.

Zerbst, den 22. August 2016   Annegret Mainzer

 

Zerbst/ Anhalt mit Katharina- Denkmal und Schloss – Treffpunkt für Deutsche aus Russland

Zerbst/ Anhalt mit Katharina- Denkmal und Schloss – Treffpunkt für Deutsche aus Russland

von Annegret Mainzer, Zerbst

Im heutigen Zerbst/ Anhalt können Geschichtsinteressierte sich einerseits im Museum der Stadt sowie in den dortigen evangelischen Kirchen über die Reformation informieren und andererseits in der Sammlung Katharina II. und im Schloss auf den Spuren der russischen Zarin Katharina der Großen, einer geborenen Prinzessin von Anhalt-Zerbst, wandeln.

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Am ersten Juliwochenende strömten nun mehr als 200 Deutsche aus Russland, die sich im Bundesland Sachsen-Anhalt niedergelassen haben, busweise nach Zerbst/ Anhalt. Im Rahmen der laufenden Deutsch-Russischen Kulturwoche in Sachsen-Anhalt hatte der Förderverein Deutsche aus Russland Sachsen-Anhalt e.V. mit seiner Vorsitzenden Olga Ebert nach Zerbst/ Anhalt zu einem Vereinsforum „Russlanddeutsche in der neuen Heimat“ eingeladen. Neben der Besichtigung des Zerbster Schlosses und Stadtführungen standen eine Jugendkonferenz sowie ein Gala-Konzert auf der Agenda des ereignisreichen Tages.

Jugendkonferenz „ 20 Jahre Jugendarbeit- 20 Jahre Brückenbau“

Hauptinitiatoren der Jugendkonferenz, die unter dem Motto „20 Jahre Jugendarbeit-20 Jahre Brückenbau“ stand, waren der seit dem Jahr 2008 bestehende Jugend-und Studentenring der Deutschen aus Russland e.V. (JSDR) sowie der Internationale Verband der deutschen Kultur, Russische Förderation (IVDK), der die Interessen von etwa 700 000 Deutschen in Russland wahrnimmt.

Per Video wurde zu Anfang ein an die Konferenzteilnehmer gerichtetes Grußwort des Bundestagsabgeordneten Dr. Christoph Bergner (CDU), ehemals Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten.

Im Anschluss daran stellte Julia Iwakin, Vorsitzende des JSDR, die Ziele und Tätigkeitsbereiche dieser Organisation vor, aber auch das bisher Erreichte. Vor allem betonte sie die Internationalität der Arbeit des JSDR, die auf den verschiedenen kommunalen Partnerschaften zwischen deutschen und russischen Städten oder Organisationen beruht. Der JSDR leistet, so Julia Iwakin, ebenfalls politische aufklärungs- und Bildungsarbeit nicht nur für Kinder und Jugendliche, auch für Erwachsene, gibt in Form von thematischen Workshops und Seminaren wertvolle Hilfestellung bei der Integration der Deutschen aus Russland in das gesellschaftliche Leben ihrer neuen Wahlheimat Deutschland. Einen wesentlichen Bestandteil der Arbeit des JSDR bilden die Sommercamps, die sowohl in Deutschland wie auch in Russland für Kinder und Jugendliche durchgeführt werden und zur sprachlichen Förderung der Teilnehmer dienen, so Julia Iwakin.

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Angereist aus Moskau, richtete Katharina Martynova, die beim IDVK in Moskau für förderale Programme verantwortlich ist, ein Grußwort an die Konferenzteilnehmer. In ihren Ausführungen verwies sie ebenfalls darauf, dass der internationale Aspekt ihrer Verbandsarbeit Priorität besitzt. Dabei verwies Katharina Martynova auf die in diesem Frühjahr erfolgte Eröffnung des DeutschRussischen Hauses mit Kultur- und Geschäftszentrum in Omsk sowie auf das Deutsch-Russische Jahr des Jugendaustausches 2016/17. Nach Meinung von Katharina Martynova setze zwar jede mitwirkende Partnerorganisation ihre speziellen Prioritäten, doch die Zusammenarbeit sei für alle unerlässlich.

Julia Iwakin
Julia Iwakin
Katharina Martynova
Katharina Martynova

Danach berichtete Irina Pintschuk, die Koordinatorin der Sprach- und Bildungsprogramme des IDVK, über die Durchführung von Sprachcamps für Kinder und Jugendliche. Die Vorbereitung, Organisation und Durchführung der ethnokulturellen Sprachlager bedeute für die ca. 170 Mitarbeiter Arbeit rund um das ganze Jahr., ist nicht nur auf den Zeitraum ihrer Durchführung begrenzt. Sie stellte auch den typischen Tagesablauf eines Sprachcamps vor und betonte, dass alle sehr darum bemüht seien, Sprache und Kultur anders als im schulischen Unterricht zu vermitteln. Sport und Kreativität sowie Neugier der Teilnehmer finden hier Eingang bzw. Berücksichtigung im pädagogischen Konzept. Des weiteren zeichnete Irina Pintschuk die verschiedenen Möglichkeiten auf, um am Sprachcamp teilnehmen zu können. Viele langjährige Freundschaften zwischen den Campteilnehmern aus Russland und Deutschland seien auch schon entstanden, so Irina Pintschuk. Videosequenzen mit Aussagen der Campteilnehmer bestätigten das Gesagte.

Gala-Konzert im Katharina-Saal der Zerbster Stadthalle

Am späteren Nachmittag füllte sich der Katharina-Saal der Zerbster Stadthalle, gekommen waren auch Andreas Dittmann, der Zerbster Bürgermesiter, sowie Vorstandsmitglieder des seit 1992 in Zerbst agierenden Internationalen Fördervereins „Katharina II.“ Zerbst e.V.

Begrüßt wurden die Gäste von Olga Ebert, der Vorsitzenden der Fördervereins der Deutschen aus Russland in Sachsen-Anhalt e.V. sowie vom Zerbster Bürgermeister Andreas Dittmann, der sich mit einem Grußwort an die Anwesenden wandte. Er nannte Zerbst/ Anhalt den idealen Kreuzungspunkt für deutsch- russische Begegnungen, gerade in einer Zeit, in der die Regierenden unserer beiden Länder sich sprachlos gegenüberstehen. Des Weiteren nahm er Bezug auf das Motto der Jugendkonferenz „20 Jahre Jugendarbeit- 20 Jahre Brückenbau“ ,denn das Brückenbauen solle doch dazu beitragen, die diesen Zustand der Sprachlosigkeit so schnell wie möglich zu beenden, so das Zerbster Stadtoberhaupt. Viel mehr, mahnte Andreas Dittmann, solle man sich auf das konzentrieren, was Deutsche und Russen jahrhundertelang verband und verbindet, ohne jedoch die Zeit, in der sie sich nicht verstanden, zu vergessen.

Olga Ebert und Andreas Dittmann
Olga Ebert und Andreas Dittmann

Im Anschluss entboten noch Katharina Martynova vom IVDK, Russische Förderation, und Julia Iwakin vom JSDR ihre Grußworte und dankten für die Möglichkeit, im Katharina-Saal der Zerbster Stadthalle diese Veranstaltung durchführen zu können.

Genug der Reden und Konferenzen!“, appellierte Zarin Katharina II., dargestellt von Olga Tidde, Vorstandsmitglied des Internationalen Fördervereins „Katharina II.“ Zerbst e.V. und übernahm souverän die Moderation des angekündigten und lang erwarteten Gala-Konzertes.

Olga Tidde als Katharina II.
Olga Tidde als Katharina II.

Feuerwerk künstlerischer Talente

Das zweistündige Gala-Konzert erwies sich als eine qualitativ hochwertiges Feuerwerk künstlerischer, vorwiegend gesanglicher und tänzerischer Talente, wobei es nicht immer leicht fiel, Profis und Hobbykünstler zu unterscheiden. Deutsches und russisches Kulturgut in Form von Liedern, Tänzen und Märchen von Künstlerinnen und Künstlern jeglichen Alters wurde dargeboten.

Tanzgruppe "Saltatio Burgus"
Tanzgruppe „Saltatio Burgus“
Nathalia Kraubner aus St. Petersburg
Nathalia Kraubner aus St. Petersburg

Die Sängerinnen und Sänger, die Tänzerinnen und Tänzer, die auftraten, leben und arbeiten zurzeit zum größten Teil in Sachsen-Anhalt, u.a. in Magdeburg, Weißenfels, Hettstedt und Halle. Angereist waren aber auch eine Tanzgruppe aus Waren/ Müritz sowie die Sängerin Nathalia Kraubner aus Sankt Petersburg.

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Zu Gehör bekam das Publikum u.a. Ich bete an die Macht der Liebe von D. Bortnjansky, Evergreens wie In der Nacht ist der Mensch nicht gern allein aus dem Film Die Frau meiner Träume sowie bekannte deutsche und russische Volkslieder und auch Songs, von den Sängern selbst geschrieben.

Während die Dessauer Tanzgruppe Saltatio Burgus höfische Tänze der Renaissance und des Frühbarock darbot, zeigte die Tanzgruppe aus Mecklenburg, dass ihr Repertoire Walzer, Reigen und flottere Tänze jüngerer Zeitrechnung umfasst.

Ein Highlight des Gala-Konzertes stellte die Erzählung des von Zarin Katharina II. selbst verfassten Märchens vom Zarejewitsch Chlor dar. Mit angenehmer Stimme und in sicherer freier Rede erzählte die professionell ausgebildete und derzeit in Leipzig lebende Schauspielerin und Tänzerin Mareike Greb von den möglichen Irrwegen im Leben. Mareike Greb präsentierte trotz einiger technischer Probleme ihre Liebe zum historischen Tanz. Auch die elfjährige Sängerin Daniela begeisterte das Publikum mit ihrer Natürlichkeit und ihren Liedern, in denen u.a. die für den kalten russischen Winter unerlässlichen Walenki, d.h. Filzstiefel besungen werden.

Daniela
Daniela
Mareike Greb
Mareike Greb

Des Weiteren präsentierte eine einst in Magadan und Minsk engagierte Sopranistin, die zurzeit in Magdeburg beheimatet ist, musikalische Perlen aus der Welt der leichten Operette, so u.a. die bekannte Arie Mein Herr Marquis der Adele aus Die Fledermaus.

Nach dem zweistündigen Kulturmarathon bekamen alle teilnehmenden Künstler eine Dankesurkunde aus den Händen von Olga Ebert und natürlich fast nicht enden wollenden Applaus sowie Bravo- Rufe aus dem Publikum.

Das Publikum war noch nicht müde und nahm das Angebot der Tanzgruppe Saltatio Burgus wahr, die einen Crash- Workshop in Sachsen Barocktanz anbot. Moderiert wurde dieser eloquent von der Tanz-Expertin Mareike Greb.

Fazit des Tages:

Der erste Julisonnabend 2016 rund um Zerbster Schloss und Zerbster Stadthalle bewies wieder einmal mehr: Deutsche aus Russland sind auf der einen Seite eine wahre Bereicherung für Deutschland und auf der anderen Seite wirkliche Brückenbauer in der Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses zwischen Deutschen und Russen. Und gerade deshalb hätte ich mir gewünscht, dass mehr einheimische Deutsche im Vorfeld von diesen Veranstaltungen erfahren und somit die Möglichkeit erhalten hätten, diese zu besuchen, gemeinsam mit den Deutschen aus Russland, die vielleicht ganz in ihrer Nachbarschaft wohnen, ins Gespräch zu kommen. Vielleicht ist es den Organisatoren bei einer ihrer kommenden Events möglich, diese offener zu bewerben.

zerbstergazette traf in der Stadthalle die russische Historikerin und Katharina-Biografin Olga Eliseeva
zerbstergazette traf in der Stadthalle die russische Historikerin und Katharina-Biografin Olga Eliseeva

Zerbst, den 03. Juli 2016

 

Über den deutsch- russischen Tellerrand geschaut: Forum zur Situation der Deutschen in Mittel- und Osteuropa am 07. November 2015 in Dresden

Über den deutsch- russischen Tellerrand geschaut: Forum zur Situation der Deutschen in Mittel- und Osteuropa am 07. November 2015 in Dresden

„ In einem Land ist es besser,im anderen schlechter.“
(H. Koschyk,MdB,Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten)

Dresden: Sächsischer Landtag
Dresden: Sächsischer Landtag

In unseren Tagen, wenn täglich Tausende von Flüchtlingen aus unsicheren Ländern Zuflucht in Deutschland suchen, flammen häufig mehr oder weniger sinnvolle Debatten um die Bewahrung der deutschen kulturellen Identität im eigenen Land auf. Ohne diese Diskussionen an dieser Stelle bewerten zu wollen, soll dabei Blick auf die Lage der Deutschen im Ausland nicht verloren gehen. Dabei sind nicht in erster Linie die deutschen Auswanderer im Rentenalter gemeint, die in den letzten Jahrzehnten ihren Wohnsitz nach Spanien oder Italien verlegt haben. Im Fokus der folgenden Betrachtung stehen die deutschen Volksgruppen, die schon seit mehreren Jahrhunderten sich weltweit niederließen, aber nichtsdestotrotz ihre deutsche Identität lebten.
Allgemein bekannt ist, es existiert weltweit eine deutschsprachige Diaspora. Ethnische Deutsche trifft man vor allem in südamerikanischen Ländern wie Chile, Argentinien und Brasilien, aber auch in Mittel- und Osteuropa, insbesondere in Polen, Tschechien, Slowakei, Rumänien und Ungarn sowie in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion.
Bereits um das Jahr 1000, als die bayerische Herzogin Gisela mit dem ungarischen König St. Stephan verheiratet wurde, siedelten sich erste Deutsche in Ungarn an. Siebenbürgener Sachsen ließen sich im 12. Jahrhundert in Siebenbürgen, d.h. im heutigen Rumänien nieder. Zu jener Zeit zog es auch die ersten deutschen Kaufleute aus Lübeck nach Nowgorod in Russland. Unter Zar Peter I. und der deutschstämmigen Zarin Katharina II. wanderten Heerscharen von Deutschen gen Russisches Reich, um dort ein besseres Leben zu finden. In ihrer neuen Wahlheimat passten sich die deutschen Auswanderer einerseits den dortigen gesellschaftlichen Bedingungen an, andererseits bewahrten sie ihre Muttersprache und Traditionen, gaben diese an die nächsten Generationen weiter.

Im Jahr 1881 wurde in Berlin der Allgemeine Deutsche Schulverein gegründet, dessen Hauptziel in der Erhaltung und Pflege der deutschen Identität, Sprache und Kultur der Angehörigen deutscher Volksgruppen im Ausland bestand. Mit der Hilfe dieses Vereins wurden im Ausland deutsche Schulen und Bibliotheken finanziert, deutschsprachige Literatur gefördert sowie die Anstellung von Lehrern. Aus jenem Verein ging 1998 der Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland e. V. (VDA) hervor.[ siehe Infokasten]
Viermal jährlich gibt der VDA die Zeitschrift Globus heraus, die die Auslandsdeutschen sowohl über die Tätigkeit des VDA wie auch über die Lage der Deutschen im Ausland informiert. Im Globus 3/2013 erschien mein Beitrag über meine eigene Annäherung und über die Annäherung meiner Heimatstadt Zerbst/ Anhalt an Leben und Wirken der russischen Zarin Katharina II. (1729- 1796), geborene Prinzessin von Anhalt- Zerbst.
Diesen Beitrag nahm Peter Bien, Vorsitzender des VDA- Landesverbandes Sachsen, zum Anlass über das soziale Netzwerk Facebook mit mir in Kontakt zu treten. Im Sommer diesen Jahres kam es in Dresden zu unserem ersten persönlichen Treffen, in dessen Verlauf er mich zum VDA- Forum 2015 einlud.

http://www.vda-kultur.de/media/globus-pdfs/globus_03_2013_web.pdf

Im Sächsischen Landtag fand Anfang November das VDA- Forum statt, das sich der Thematik Die Entwicklung der deutschen Minderheiten in den mittel- und osteuropäischen Staaten seit der politischen Wende 1989/90 widmete.
Durch Peter Bien, den Vorsitzenden des VDA- Landesverbandes Sachsen, erfolgte die Begrüßung der ungefähr 70 Teilnehmer des Forums. Grußworte sprachen Andrea Dombois, 1. Vizepräsidentin des Sächsischen Landtages, und der Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig, derzeitiger Bundesvorsitzender des VDA.

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Peter Bien                                                   Andrea Dombois

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Kernpunkt des Forums bildete zweifelsfrei der Impulsvortrag von Hartmut Koschyk, Bundestagsabgeordneter und Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, der auch etwa 20 Jahre des Bundesvorsitz des VDA innehatte und jetziger Ehrenvorsitzender. Koschyk berichtete über seine Begegnungen mit Vertretern der deutschen Minderheiten u.a. in Rumänien und Kasachstan. Er verwies vor allem auf die Rolle der Auslandsdeutschen als „Brückenbauer“ in Europa- nicht nur auf den Gebieten von Kultur, Jugendarbeit oder Bildung, auch in der Wirtschaft.
Als positives Beispiel führte Koschyk die Rolle der deutschen Schulen in Rumänien an, die einen wesentlichen Anteil an der Herausbildung eines rumänischen Bildungsbürgertums haben. „Dort sitzen in den Klassen höchstens 3- 4 deutsche Kinder, die anderen sind rumänischer Herkunft“,so Koschyk. Doch rumänische Eltern brächten der deutsch geprägten Schulbildung große Wertschätzung entgegen, führt der Bundesbeauftragte weiter aus. Laut Koschyk stelle der Haushalt des Auswärtigen Amtes dafür in diesem Jahr insgesamt 750.000 Euro bereit, um dort die Abwanderung gut ausgebildeter Deutschlehrer in die besser zahlende Wirtschaft zu verhindern. Schließlich seien aus dem deutschsprachigen Schulwesen in Rumänien bereits zwei Nobel- Preisträger – Herta Müller für Literatur und Stefan Hell für Chemie- hervorgegangen.
DSCN2926                                                                   Hartmut Koschyk

Die Unterstützung der deutschen Minderheiten in Mittel- und Osteuropa seitens des Bundesministeriums des Innern konzentriere sich nicht nur auf den Ausbau des deutschen Schulwesens, sie umfasse auch die Hilfen für kleinere und mittlere Betriebe in Handwerk, Gewerbe, Dienstleistungen und Landwirtschaft sowie den Ausbau zukunftsfähiger Selbstverwaltungsstrukturen und erfolge in enger Absprache mit den Angehörigen der deutschen Minderheit vor Ort, resümmierte Koschyk weiter. Des Weiteren berichtete der Bundesbeauftragte von der erfolgreichen Arbeit der verschiedenen bilateralen Regierungskommissionen, die die Bundesrepublik u.a. mit Rumänien, Kasachstan und anderen mittel- und osteuropäischen Ländern unterhält.
Doch Koschyk verschwieg auch nicht, dass es heute – 25 Jahre – nach der politischen Wende Probleme und Rückschläge gibt. Als jüngstes Beispiel dafür nannte er das Veto, das der kürzlich gewählte Präsident Polens gegen die vom vorherigen Parlament beschlossene Novellierung des Minderheitengesetzes in Polen einlegte.
Koschyks Fazit:„ In einem Land ist es besser, im anderen schlechter.“ Zum Abschluss seiner Ausführungen befürwortete Koschyk die Unterstützung der deutschen Minderheiten im Ausland durch die Bundesregierung, doch sollten wir nicht nach patriarchalischer Manier handeln, er sprach sich eindeutig für eine Hilfe auf gleicher Augenhöhe mit den jeweiligen Partnern vor Ort aus.

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