Eva Stachniak: Die Schwester des Tänzers – Aus dem Schatten des Bruders

Eva Stachniak: Die Schwester des Tänzers – Aus dem Schatten des Bruders

Annegret Mainzer, Zerbst

Die Familie Nijinsky, die an der Geschichte der europäischen Ballettkunst, aktiv mitschrieb, steht im Fokus des Romans Die Schwester des Tänzers (im Original The chosen maid) der polnischstämmigen, doch in Kanada lebenden Schriftstellerin Eva Stachniak, die bereits mit ihren Romanen über Zarin Katharina II. – Der Winterpalast und Die Zarin der Nacht – zwei Bestseller auf internationaler Ebene landete.

Die Geschwister Waslaw, Bronislawa und Stanislaw Nijinsky erleben in ihrem Elternhaus hautnah alle Facetten des Lebens von Balletttänzern, da ihre Eltern selbst diesen Beruf ausüben. Sehr schnell begreifen die Nijinsky-Kinder, dass Fleiß und Erfolg oft von körperlichen Schmerzen und auch von dem Neid der Anderen begleitet werden. Die Nijinsky-Eltern sind in erster Linie daran interessiert, aus ihren Kindern ebenfalls erfolgreiche Balletttänzer zu machen, was ihnen jedoch nur bei Waslaw und Bronislawa gelingt.

Nach der Trennung der Eltern leben Waslaw und Bronislawa zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit ihrer Mutter in St. Petersburg, wo sich die Geschwister auf die Aufnahmeprüfung in die Kaiserliche Ballettschule vorbereiten. Sowohl Waslaw wie auch Bronislawa schaffen diesen Schritt, wobei sich Waslaw als der Talentiertere von beiden herausstellt, der bald seine Mitschüler in den Schatten stellt und überflügelt, während Bronislawa, auch nicht untalentiert, hart üben und trainieren muss, um zu den Besten zu gehören.

Waslaw Nijinsky entwickelt eine ungewöhnliche Leidenschaft für das Tanzen und für die damalige Zeit eine sehr eigenwillige, revolutionäre Art des Tanzes und der Choreografie. Dies praktiziert er vor allem beim Ballets-Russes in Paris, das Sergei Djagiljew führt.

So gnadenlos und und apodiktisch Waslaw Nijinsky gegen sich selbst im Training und auf der Bühne war, so unbarmherzig forderte er einen lodernden und bedingungslosen Einsatz für die Kunst des Balletts ebenso von seiner Schwester Bronislawa, auch wenn es bedeutete, persönliche Interessen, hintenan zu stellen. Um so größer seine Enttäuschung, als seine von ihm geförderte Schwester Bronislawa den irdischen Freuden des Lebens nachgibt, heiratet und Kinder zur Welt bringt. In den Augen von Waslaw verrät Bronislawa ihre scheinbar gemeinsamen hehren Ideale und Ziele.

Waslaw schockiert des Öfteren mit seinen vom klassischen Ballett abweichenden Auftritten und Choreografien sein Publikum, fasziniert es aber zugleich und erntet Beifall. Für Waslaw erweisen sich seine avantgardistischen Ideen und sein Erfolg als Tänzer als unheilvolle Kombination, denn im Laufe der Zeit – Genie und Wahnsinn liegen ja bekanntlich dicht beieinander – muss Waslaw in Sanatorien zur Behandlung eingewiesen werden, wohingegen sich das Selbstbewusstsein von Bronislawa aufgrund ihrer zunehmend verantwortungsvolleren Tätigkeit auf der Bühne, in der Ballettschule und auf dem Gebiet der Choreografie stärkt.

Der Autorin Eva Stachniak gelingt es in ihrem Roman Die Schwester des Tänzers hervorragend darzustellen, wie Bronislawa aus dem Schatten ihres legendären Bruders Waslaw hervortritt, selbstständig Entscheidungen trifft und agiert. Sie übernimmt allmählich den Part ihres Bruders, nämlich die Stärkere zu sein und verwirklicht ihre eigenen Ideen sowohl im Beruflichen wie im Familiären.

Als Element der Beständigkeit und Verbindung zu Familie und Vergangenheit fungiert Mamusia, wie Waslaw und Bronislawa liebevoll ihre Mutter nennen. Mamusia begleitet ihre Tochter fast überallhin und kümmert sich bis zu ihrem Tode um deren Kinder.

Eva Stachniak gestaltet ihren Roman Die Schwester des Tänzers als eine Art von Tagebuchaufzeichnungen mit retrospektivem Charakter aus dem Jahr 1939, die Bronislawa während einer Überfahrt nach Amerika verfasst. Dabei dringt die Autorin dank ihrer fleißigen Recherchen nicht nur tief in die Gefühlswelt ihrer Protagonistinnen und Protagonisten vor und lupft den Vorhang für einen intensiveren Blick in die Welt des Balletts, Eva Stachniak beschreibt auch sehr überzeugend und anschaulich die seinerzeit instabilen politischen Verhältnisse in Russland und im übrigen Europa.

Der Sprachstil von Eva Stachniak ist durchgängig ein ausgereifter und anspruchsvoller, auch in der vorliegenden deutschen Übersetzung von Peter Knecht. Das Buch ist stellenweise nicht „schnell“ zu lesen, doch durchweg angenehm und flüssig.

Insgesamt zeichnet sich der Roman Die Schwester des Tänzers von Eva Stachniak durch einen hohen Grad an Authentizität aus und ermöglicht der Leserschaft einen einzigartigen Einblick in die harte Welt des Balletts.

Auf einer Skala von zehn Punkten vergebe ich für diesen Roman neun Punkte.

Zerbst, den 07. Januar 2018

https://russianhalthistory.wordpress.com/2015/05/27/vorgestellt-romane-von-eva-stachniak-uber-zarin-katharina-die-grose-von-russland/

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Petra Durst- Benning: 1. Die Zarentochter 2. Die russische Herzogin

Petra Durst- Benning: 1. Die Zarentochter

2. Die russische Herzogin

Die Zarentochter

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Zarenkinder hatten es nicht einfach im Leben, obwohl sie frei von existenziellen Sorgen, sozusagen im goldenen Käfig aufwuchsen.
Anstatt wie andere ihrer Altersgenossen mal ungezwungen und wild durch Wohnung und Garten zu tollen, wurden sie meist dazu angehalten, fleißig zu lernen und sich entsprechend ihrer außergewöhnlichen sozialen Stellung zu benehmen. Zudem wurden Zarenkinder ständig von Lehrern, Erziehern und Gouvernanten beaufsichtigt, so dass ein – wenn auch nur kurzweiliges – Ausbüchsen aus ihrer wohl behüteten Welt kaum möglich war.

Eltern von Zarenkindern saßen oft gefühlsmäßig zwischen zwei Stühlen: Einerseits liebten sie ihren Nachwuchs und wollten ihm eine unbeschwerte Kindheit ermöglichen, andererseits zwang ihre führende Stellung sie dazu, schon frühzeitig ihre Söhne und Töchter in ihre staatswichtigen Überlegungen und Entscheidungen miteinzubeziehen. Auseinandersetzungen in royalen Familien eskalierten meist dann, wenn die Königskinder sich unstandesgemäß verliebten.

All diese eingangs beschriebenen Phasen durchlebt auch Olly, die Hauptheldin im Roman Die Zarentochter von Petra Durst- Benning.
Olly, das ist Großfürstin Olga Nikolajewna (1822- 1892), die zweitälteste Tochter von Zar Nikolaus I. von Russland. Petra Durst- Benning schildert Olly als eine heranwachsende junge Frau, die ihre Umwelt, ihre Mitmenschen sehr aufmerksam beobachtet und vor allem die im Russischen Reich herrschende soziale Ungerechtigkeit wahrnimmt. Olly muss u.a. hilflos miterleben, dass ihr Spielkamerad Mischa sterben musste, weil es seinen Eltern am Geld für den Azrt mangelte. Dabei hat Mischa den Großfürsten Kosty, Ollys jüngsten Bruder, vor dem Ertrinken gerettet. Jedoch hatten die Erwachsenen im Palast sich nur um Kostys Genesung gekümmert, was für Olly eine schreiende Ungerechtigkeit darstellt.

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Anfangs betrachtet Olly auch das Verhalten ihrer älteren Schwester Mary, die meist nur an schöne Kleider, Bälle und einen passenden Heiratskandidaten denkt, mit verächtlichen Augen. Es ist ihre Gouvernante und spätere Freundin Anna, die Olly die Augen darüber öffnet, welche Möglichkeiten sie als verheiratete Frau hat, den Ärmsten der Armen zu helfen.
So lässt sich die Zarentochter Olly ebenfalls auf das „Heiratskarussell“, das alle russishen Großfürsten und Großfürstinnen durchlaufen müssen, ein.

Auf Betreiben ihres Vaters und ihres Bruders Sascha, später Zar Alexander II., kommt eine imaginäre Verlobung Ollys mit Erzherzog Stephan von Österreich zustande. Während dieser scheinbaren mehrjährigen Verlobungszeit kommt es zu keiner persönlichen Begegnung zwischen Olly und Stephan, da Österreich auf Betreiben von Metternich sich gegen diese Verbindung stellt.

Doch auch an Olly geht der Zauber der ersten großen Liebe nicht vorüber. Ihr Auserwählter ist Iwan Bariatinski, ein Freund ihres Bruders Sascha und russischer Offizier- allerdings kein standesgemäßer Heiratskandidat für Olly, die Zarentochter. Später verliebt sich Olly in Alexander von Hessen, den Bruder ihrer Schwägerin. Doch auch er ist nach Ansicht von Ollys Vater und Bruder nicht der Richtige für sie. Nachdem die ersten euphorischen Liebesschwüre verklungen sind, kommt es auch in dieser Bezihung zu Problemen, doch diese „ Probleme“ werden teilweise von Ollys Bruder Sascha inszeniert. Schlussendlich bricht Olly mit Alexander endgültig.

Nach der Verheiratung ihrer jüngsten Schwester Adini ist Olly zwar immer noch mit Stephan verlobt, aber ohne Aussicht auf baldige Hochzeit. Gemeinsam mit ihrer kränkelnden Mutter reist sie nach Palermo, wo Karl, der Sohn des württembergischen Königs Wilhelm I., ihr seine Aufwartung macht. Olly und Karl unternehmen gemeinsame Ausflüge und stellen in Gesprächen fest, dass sie auf gleicher Wellenlänge liegen, u.a. auch was ihr beider Bedürfnis nach Wohltätigkeit betrifft.

Wird Kronprinz Karl von Württemberg die Zarentochter Olly von ihren Befürchtungen, als alte Jungfer zu enden, erlösen?

Die Historiker kennen die Antwort: Die Zarentochter Olga Nikolajewna heiratet in Peterhof bei St. Petersburg den württembergischen Kronprinzen Karl.

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Bereits ihre Tante Katharina Pawlowna, eine Schwester ihres Vaters, war Königin von Württemberg gewesen und hatte dort viele wohltätige Institutionen ins Leben gerufen. Olly, als württembergische Kronprinzessin und spätere Königin, setzt diese Werke der Barmherzigkeit fort.

Büste Königin Olga- Bad Wildbad
Büste Königin Olga- Bad Wildbad

Petra Durst- Benning schildert die Royals in ihrem Roman Die Zarentochter Olly mit all ihrer Zerrissenheit angesichts ihrer privilegierten sozialen Stellung und der damit verbunden Verantwortung für ihr Land sowie ihrer persönlichen Gefühle und Bedürfnisse, denn gekrönte Häupter sind letztendlich auch nur Menschen wie du und ich.

Im Roman Die Zarentochter steht der Lebensweg von Olly im Mittelpunkt, die auch Russland und das Russische repräsentiert. Die so genannte russische Seele und das wirklich Russische treten im Buch meiner Meinung nach recht oberflächlich, fast stiefmütterlich behandelt und klischeehaft zutage. Russland- das bedeutet nicht nur Tee aus dem Samowar, Schnee, eisiger Winter, absolute Zarenherrschaft und bitterste Armut. An diesen Stellen hätte ich mir etwas mehr Tiefgang gewünscht.

Doch die Stärke des Roman Die Zarentochter liegt darin, dass die Autorin Petra Durst- Benning ihre royalen Heldinnen und Helden mit all ihren menschlichen Schwächen und Stärken sowie Zweifeln und Selbstzweifeln zeichnet. Spitzbübisch humorvoll wird es immer dann, wenn Olly versucht, einen von Bruder oder Vater geschickten Heiratskandidaten zu vergraulen.

Die russische Herzogin

Wer mehr über Ollys Dasein als württembergische Kronprinzessin und spätere Königin erfahren möchte, der sollte Petra Durst- Bennings Romans Die russische Herzogin lesen.

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Die russische Herzogin entpuppt sich als Ollys Nichte und Patenkind Wera Konstantinowna, die als enfant terrible in St. Petersburg gilt und deshalb nach Stuttgart zu Olly geschickt wird. Die Leser erleben, wie Olly und Karl versuchen, aus diesem „schrecklichen Kind“ eine hoffähige junge Dame zu machen.

Vera Konstantinowna von Russland
Vera Konstantinowna von Russland

Olly muss in dieser Zeit sich als auf dreifache Weise als starke Frau erweisen- im Kampf um ihre
wohltätigen Projekte, im Kampf um ihre Ehe und als Mutterersatz und Freundin ihres Patenkindes Wera, der späteren russischen Herzogin.

Hat Olly die Kraft, all die ihr gestellten Aufgaben zu meistern. Gehört sie auch zu den Romanowschen Powerfrauen wie ihre Vorfahren? Wird ihr dabei ihre Devise „ Lachen, um nicht zu weinen“ stets helfen?
Ich wünsche der Leserschaft viel vergnügliche Stunden auf der Suche nach den Antworten.

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Jean Chapot: Die Geliebte aus Sankt Petersburg – eine Rezension

Jean Chapot: Die Geliebte aus Sankt Petersburg

Rezension

Im Jahr 1943, als in Europa noch Krieg herrschte, lernen sich die achtzehnjährige Anna Suworin, Tänzerin im Kirow- Ballett, und der aus dem Elsass stammende Franzose Peter Müller in Leningrad kennen und lieben.

 St. Petersburg, einst Leningard
St. Petersburg, einst Leningrad

Peter, der aus der Wehrmacht desertiert war, arbeitet in den Leningrader Kirow- Werken, wo auch Annas Balletttruppe auftritt. Er ist davon überzeugt, nach dem Sieg über das faschistische Deutschland Anna mit nach Paris an die dortige Oper nehmen zu können.

Paris
Paris

Annas und Peters Traum sollte nie in Erfüllung gehen. Anna verschwindet scheinbar spurlos im Gulag. Peter wird verhaftet, der Spionage angeklagt und nach Sibirien deportiert. Er darf erst 1946 in seine Heimat zurückkehren, jedoch ohne Anne, ohne seine Geliebte aus Sankt Petersburg.

Zu Beginn der Handlung des Romans Die Geliebte aus Sankt Petersburg reist die Hauptheldin, die bekannte Primaballerina Dora Kempf, nach St. Petersburg, um den letzten Wunsch ihres kurz zuvor verstorbenen Ehemannes Peter zu erfüllen, nämlich Anna Suworin, seine einstige Geliebte aus Sankt Petersburg, zu suchen.

im Taxi durch St. Petersburg
im Taxi durch St. Petersburg

Verständlicherweise führt Doras erster Weg sie ins Archiv des Kirow- Theaters, das heutige Mariinskij- Theater. Die Spurensuche dort allerdings erweist sich als ein Fehlschlag. Es scheint, als hätte Anna nie auf der Bühne des Kirow getanzt.
Dora wird aber von einem pensionierten Theaterkritiker namens Wladimir angesprochen, da er glaubt in Dora die Tochter von Anna zu erkennen. Dora, die von Peter um ihre erstaunliche Ähnlichkeit mit Anna weiß, offenbart Wladimir den wahren Zweck ihres Aufenthaltes in St. Petersburg.
Von Wladimir, Peters einstigem Freund, erfährt Dora auch von dem Offizier Alexander Kolomiak, der sich in den Kriegsjahren ebenfalls um Anna bemüht hat, sozusagen ein Rivale von Peter war. Kolomiak ist bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1991 ein hochrangiger General des KGB gewesen. Jeder, den Dora nach Kolomiak fragt, reagiert äußerst ängstlich, ja fast panisch und rät ihr davon ab, sich mit dem immer noch einflussreichen General anzulegen.

Newski- Prospekt in St. Petersburg
Newski- Prospekt in St. Petersburg

Auf mysteriöse Weise kommen im Laufe von Doras Nachforschungen in St. Petersburg einige Menschen wie Wladimir und die junge Archivarin Sonja ums Leben, vermutlich weil sie Dora bei ihrer Suche nach Anna helfen wollten. Hat der einstige KGB- General Kolomiak seine Hände dabei im Spiel?
Während eines Treffens mit Kolomiak versichert dieser Dora gegenüber, dass Anna tot sei. Doch andere Indizien z.B. ein Gespräch mit der Enkelin einer einstigen Kollegin von Anna lassen Dora gegenteilige Schlüsse ziehen.
Welches perfide Spiel treibt General Kolomiak mit Dora, als er sie auch zum Grab von Anna führt? Und welche Rolle spielen bei der Suche nach Peters einstigen Geliebten aus Sankt Petersburg die Sonne und das weltbekannte Denkmal Der Eherne Reiter, das am Ufer der Newa steht.

der eherne Reiter
der eherne Reiter

Des Weiteren stößt Dora auf den Hinweis, dass Anna und Peter einen gemeinsamen Sohn haben, bestärkt sie darin, troz aller Gefahren hartnäckig und zielstrebig ihre Nachforschungen fortzusetzen.

Jean Chapot entführt in seinem Roman Die Geliebte aus Sankt Petersburg die Leser in verschiedene Welten. Die Leser lernen die Zeit der Stalinschen Säuberungen in der Sowjetunion, die Welt der scheinbar unbegrenzten Macht der Geheimdienste sowie die Atmosphäre in Künstler- und Diplomatenkreisen kennen.

Den Roman Die Geliebte aus Sankt Petersburg zu lesen, ist sehr spannend, da die Leser meist auf dem gleichen Kenntnisstand wie die Hauptheldin Dora Kempf haben. Nur manchmal, in scheinbarw wenigen Nebensätzen, können die Leser erahnen, woher die Gefahren für Dora und ihre Mitstreiter bei ihrer stellenweise abenteuerlichen Suche nach Anna drohen.
Erst gegen Ende des Romans, als das Geheimnis um Anna und ihren Sohn step by step gelüftet wird, wird den Lesern das Vorhersehen von Ereignissen etwas erleichtert.

Der Roman Die Geliebte aus Sankt Petersburg ist aufgrund seiner sehr lebendig gestalteten Dialoge an keiner Stelle langatmig. Man möchte den Roman nicht für lange Zeit aus den Händen legen, denn Annas und Doras Schicksale haben eine fesselnde Wirkung, sind besser als jedwedes moderne Historytainment im deutschen Fernsehen.
Zudem zeigt Jean Chapot in seinem Roman Die Geliebte aus Sankt Petersburg, für den er mit dem Prix des Romancières ausgezeichnet wurde, wie nachhaltig sich jahrzehntelanges Schüren von angst durch Diktaturen auf das Verhalten der Menschen auswirken kann. Im Roman Die Geliebte aus Sankt Petersburg tritt augenfällig der untrennbare Zusammenhang von Geheimdienstarbeit, Diplomatie und Politik zutage- unglaublich und faszinierend zugleich. Fontane würde sagen: „ Ein weites Feld.“

Mit jeder neuen Spur, die Dora von Anna findet, wächst auch bei den Lesern stetig der Wunsch, endlich zu erfahren, wie und von wem in den leidvollen Jahren 1943/44 die Weichen für Annas und Peters weiteres Leben gestellt wurden. Da ich potenzielle Leser des Romans Die Geliebte aus Sankt Petersburg nicht dieses spannungsgeladenen Vergnügens berauben möchte, verzichte ich an dieser Stelle auf den Spoiler.

Die Geliebte aus Sankt Petersburg– ein Roman, in dem ebenfalls unterschiedliche Frauentypen skizziert werden. Die moderne selbstbewusste und nicht einzuschüchternde Dora Kempf, die geduldig alles Leid ertragende und doch ungebrochene Anna, die einst gefeierte Ballerina Olga, die stets versucht von den jeweiligen Umständen zu profitieren und deren mutige Enkelin Vera, ein Kind unserer Tage.

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Einblicke in das Privatleben russischer Zaren und in das Jahr 1905 durch zwei Romane

Einblicke in das Privatleben russischer Zaren und in das Jahr 1905 durch zwei Romane

Susanne Scheibler: Natascha- Weiße Nächte in St. Petersburg
Emily Hanlon: St. Petersburg

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Susanne Scheibler: Natascha- Weiße Nächte in St. Petersburg

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Lektüre über die russische Zarin Katharina II., geborene Prinzessin von Anhalt- Zerbst, gibt es en gros. Streng wissenschaftlich recherchiert, mit fremdartigen Namen, Titeln und vielen Jahreszahlen vollgestopft, so dass sich der Leser oftmals des besseren Verständnisses wegen einer zweiten Lektüre unterziehen muss.

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A.N. Radischtschew: Reise von Petersburg nach Moskau

A.N. Radischtschew: Reise von Petersburg nach Moskau

Türme der Peter und Paul Festung in St. Petersburg
Türme der Peter und Paul Festung in St. Petersburg

Wer beim Lesen des Buchtitels Reise von Petersburg nach Moskau vermutet, es handele sich um einen Bericht über die landschaftlichen Schönheiten Russlands, der liegt falsch. Denn unser Reisender legt in seinen Berichten den Fokus verstärkt auf die ungeschminkte Darstellung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Untertanen der russischen Krone im ausgehenden 18. Jahrhundert, vor allem abseits solcher von den jeweiligen Zaren und Zarinnen protegierten urbanen Zentren wie Moskau und St. Petersburg.

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Die Reise führt unseren Reisenden in die russischen Provinzen, d.h. von der Newa über Nowgorod, Waldai, Wyschni Wolotschok und Twer nach Moskau. Da zu jener Zeit Eisenbahnen, Autos und Flugzeuge noch der Zukunft angehörten, reiste er in der Kibitka, d.h. in einem in Russland übliches Fuhrwerk mit drei Pferden, der Kutschersitz ist offen, während der Reisende von einem Dach geschützt wird.

Reisender in der Kibitka v. Alexander Orlowski, 1819
Reisender in der Kibitka v. Alexander Orlowski, 1819

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Rebecca Gablé „ Das Haupt der Welt“- lebendige mitteldeutsche und elbslawische Geschichtslektionen

Rebecca Gablé „ Das Haupt der Welt“- lebendige mitteldeutsche und elbslawische Geschichtslektionen in Romanform

Siegel Otto I. aus Posse- Sammlung
Siegel Otto I. aus Posse- Sammlung

Im Bundesland Sachsen – Anhalt geboren, in dessen Hauptstadt Magdeburg das Studium (u.a. in Slawistik) absolviert und dort seit 15 Jahren beruflich tätig – alle diese Fakten bildeten die ideale Voraussetzung für die Lektüre des historischen Romans Das Haupt der Welt von Rebecca Gablé, in dessen Fokus das Heranreifen des sächsischen Herzogs und ostfränkischen Königs Otto I. der Große, der von 912 – 973 lebte, steht. Schon der sächsische Geschichtsschreiber Widukind von Corvey nannte Otto I. das Haupt der Welt.
Zu Beginn des Romans befindet sich der Leser inmitten der Belagerung der Festung Brandenburg durch Ottos Vater König Heinrich I. im Jahre 929. Zu jener Zeit war die Brandenburg, die von Heinrichs Truppen eingenommen wird, Heimat für den elbslawischen Stamm der Heveller. Dragomira und Tugomir, Kinder des Fürsten der Heveller, werden dabei als Geiseln genommen und von den Sachsen nach Magdeburg verschleppt.
Der Fürstentochter Dragomira, die bei ihren Landsleuten eine gewisse Achtung ihr gegenüber vermisste, fällt es nicht so schwer, mit dem Königssohn Otto die Lagerstatt zu teilen und eine enge intime Beziehung zu ihm aufzubauen. Aus dieser Verbindung geht ein Sohn hervor- der spätere Erzbischof Wilhelm von Mainz. Prinz Tugomir jedoch tut sich um einiges schwerer, er findet sich nicht so schnell mit seiner Geiselhaft ab. Obwohl er im feindlichen Lager der Sachsen aufgrund seiner hervorragenden Kenntnisse als Heiler eine gewisse Anerkennung erwirbt, weist er sehr lange Zeit jedwedes freundlich gemeinte Entgegenkommen, das ihm geboten wird, abrupt zurück, was stellenweise ein Kopfschütteln bei dem Leser hervorruft. Trotz seiner Sturheit verbindet Tugomir eine ungewöhnliche Freundschaft mit Thankmar, dem älteren Stiefbruder vom Haupt der Welt. Thankmar gehört zu den Romanfiguren, die durch ihre unkonventionellen, fast frechen gedanklichen Kommentare das Geschehen leicht humorvoll auflockern und zeigen, dass gekrönte Häupter auch nur Menschen aus Fleisch und Blut sind. Tugomir macht sogar am Hofe Ottos Karriere: er unterrichtet dessen Söhne und wird dessen Leibmedikus. Weiterlesen