A.N. Radischtschew: Reise von Petersburg nach Moskau

A.N. Radischtschew: Reise von Petersburg nach Moskau

Türme der Peter und Paul Festung in St. Petersburg
Türme der Peter und Paul Festung in St. Petersburg

Wer beim Lesen des Buchtitels Reise von Petersburg nach Moskau vermutet, es handele sich um einen Bericht über die landschaftlichen Schönheiten Russlands, der liegt falsch. Denn unser Reisender legt in seinen Berichten den Fokus verstärkt auf die ungeschminkte Darstellung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Untertanen der russischen Krone im ausgehenden 18. Jahrhundert, vor allem abseits solcher von den jeweiligen Zaren und Zarinnen protegierten urbanen Zentren wie Moskau und St. Petersburg.

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Die Reise führt unseren Reisenden in die russischen Provinzen, d.h. von der Newa über Nowgorod, Waldai, Wyschni Wolotschok und Twer nach Moskau. Da zu jener Zeit Eisenbahnen, Autos und Flugzeuge noch der Zukunft angehörten, reiste er in der Kibitka, d.h. in einem in Russland übliches Fuhrwerk mit drei Pferden, der Kutschersitz ist offen, während der Reisende von einem Dach geschützt wird.

Reisender in der Kibitka v. Alexander Orlowski, 1819
Reisender in der Kibitka v. Alexander Orlowski, 1819

Bereits auf der ersten Poststation trifft unser Reisender auf ein im gesamten damaligen Russischen Reich herrschendes Übel, nämlich auf das Phlegma und Bequemlichkeit der Beamten. Nachts nach frischen Pferden befragt, ist der Postkommissar nicht willens, sich im Schlaf stören zu lassen. Alle Pferde seien unterwegs, so eine mürrische Antwort. Ein Blick in den Stall belehrt unseren Reisenden aber eines Besseren, denn dort findet er zwanzig Pferde, jedoch „konnte man die Rippen an ihnen zählen“.
Je weiter sich unser Reisender von St. Petersburg entfernt, desto schlechter werden die Straßen. Zeitweise läuft er sogar neben seiner Kibitka her, um sich zu erholen.

Gleich zu Beginn überkommt unseren Reisenden eine Vision: „Mich dünkte, ich sei ein Zar (…) und säße in Macht und Herrlichkeit auf einem Thron.“ Darauf folgt eine genaue Beschreibung seines prunkvollen Herrscherdaseins, seiner Anordnungen und der Huldigungen und Lobpreisungen der ihn umgebenden Höflinge, die ihm „ sklavisch ergeben“ sind. Zeitgleich erblickt er eine Waage, auf deren einen Seite das „Buch der Gesetze der Barmherzigkeit“ liegt, auf der anderen das Buch der „ Gesetze des Gewissens“.
Sich noch angenehm im Lobgesang der vermeintlichen Würdenträger sonnend, entdeckt der Zar, d.h. unser Reisender eine Pilgerin, die sich ihm mit folgenden Worten zu erkennen gibt: „Ich bin der Arzt, der zu dir gesandt ist, dass ich deine Augen reinige. Welch eine Blindheit!“ .Die Pilgerin berührt des Zaren Augen und zieht von ihnen eine dicke Schicht ab. – „Du siehst, ich bin die Wahrheit.“

Der eherne Reiter, Denkmal für Zar Peter I. in St. Petersburg
Der eherne Reiter, Denkmal für Zar
Peter I. in St. Petersburg

Die Zarenvision unseres Reisenden bot dem Autor Alexander Nikolajewitsch Radischtschew (1749- 1802) eine legale Chance, harsche Kritik an der in den letzten Regierungsjahren von Zarin Katharina II. zunehmenden Günstlingswirtschaft bei Hofe zu üben, unter der in erster Linie die unteren Stände zu leiden hatten. Gleichsam stellt diese Vision einen dringenden Appell an alle künftigen Zaren Russlands dar, der Wahrheit stets Einlass in ihre Herzen und Paläste zu gewähren, sei sie auch noch so unangenehm.

In Podberesje trifft unser Reisender auf einen aus Nowgorod kommenden Seminaristen, der die Absicht hat, in St. Petersburg Wissenschaften zu studieren. Im Gespräch beklagt der Seminarist das Festhalten am Lateinischen, am Scholastischen in den russischen Schulen. Er fordert, Wissenschaften in der Sprache des Volkes zu erklären, dann bleibe sie kein Geheimnis mehr. Kurz gesagt, er fordert Bildung verständlich für alle Bevölkerungsschichten.

Um das Thema der Rechtsprechung geht es auch im Gespräch unseres Reisenden mit einem Jugendfreund, auf den er in Saizowo trifft.

Justitia, um 1556, von M.v. Heemskerck (1498- 1574)
Justitia, um 1556, von M.v. Heemskerck (1498- 1574)

Der Freund war Vorsitzender der Strafkammer und musste Urteile über Straftäter fällen. Doch er war schon bald von seinem Amt zurückgetreten, da ihm das Missverhältnis von Strafe und Vergehen häufig die Tränen in die Augen getrieben habe. Im Laufe seiner Richtertätigkeit erkannte er, dass so manche Ursache für eine Straftat in den herrschenden ungleichen sozialen und Machtverhältnissen sowie in der Willkür des russischen Adels lag. Die meisten seiner Kollegen ignorierten dies und bemaßen das Strafmaß oft unangemessen hoch und hart. Dagegen im Alleingang anzukämpfen, hatte ihn müde werden lassen und zur Aufgabe seines Amtes bewogen.

Auf der Station Chotilow resümmiert unser Reisender über die „menschliche Sitte, Menschen seinesgleichen zu Sklaven zu machen“. Er greift dabei nicht nur die Leibeigenschaft in Russland an, auch die Versklavung von Afrikanern und deren Verschiffung nach Amerika sowie die Unterdrückung der dortigen Indianer durch die Europäer.

Sklaven in Ostafrika
Sklaven in Ostafrika

In Torschok macht unser Reisender Bekanntschaft mit einem Mann, der in Petersburg um Erlaubnis ersuchen will, in seiner Stadt eine freie Buchdruckerei einzurichten, was unseren Reisenden veranlasst, über die Zensur nachzudenken. „Das leichteste Mittel, das Gute zu fördern, ist die Nichthindernis, die Erlaubnis, eine gute Sache zu treiben, die Gedankenfreiheit.“- so sein Fazit. In diesem Zusammenhang verwiest er darauf, dass in den Gesetzen Amerikas die Freiheit des Drucks bereits verankert ist.

Im Dorf Gorodnaja ist unser Reisender Augenzeuge einer Rekrutenaushebung. Während diese für viele Bauernfamilie einen großen Verlust darstellt- sind sie doch der kräftigen Söhne beraubt- ist das Militär für einen Leibeigenen, dessen Schicksal bis dato von den Launen seiner herrschaft abhing, eine wahre Befreiung: „Jetzt werde ich wenigstens wisssen, dass mein Los von meinem guten oder schlechten Betragen abhängen kann…“, so die Meinung des Leibeigenen. Im Zuge dieser Rekrutenaushebung.beliebt unserem Reisenden nicht verborgen, dass adlige Gutsbesitzer eine Art illegalen Menschenhandel treiben und ihre Leibeigenen über deren Recht unzureichend oder gar nicht aufklären.

Auf der Station Peschki nimmt unser Reisender die Wohnverhältnisse der armen Russen unter die Lupe. Er beschreibt, dass deren Brot sich zu drei Vierteln aus Spreu und zu eine Viertel aus ungesiebtem Mehl zusammensetze. Die Decken und Wände ihrer Behausungen sind von Ruß bedeckt, der Fußboden rissig, das Ofen ohne Rohr, Fenster mit Ochsenblasen bespannt. Sie wohnten und schliefen gemeinsam mit den Tieren.

Höhepunkt seiner Reisebeschreibung bildet zweifelsohne seine Lobrede auf den Gelehrten Michail Lomonossow, dessen Verdienste er mit folgenden Worten würdigt: „Doch wenn Lomonossow in seinen Untersuchungen der Natur keine Größe erreicht hat, ihre großartigen Wirkungen hat er uns in reiner und verständlicher Sprache beschrieben.“ Will sagen, Lomonossow machte sich um die Aufklärung des Volkes verdient.

Während der Lektüre von Alexander N. Radischtschews Reise von Petersburg nach Moskau musste ich ständig an den klischeehaften Satz: „ Der Zar ist weit.“ denken, denn unser Reisender begibt sich ja in die Provinzen, wo der verlängerte, sprich: kontrollierende und regulierende Arm der Regierung so manche Schwächen aufweist.

Autorin Annegret Mainzer in St. Petersburg, 2015
Autorin Annegret Mainzer in St. Petersburg, 2015

In den dargestellten Beispielen von Willkür und Gutdünken vor allem in der seinerzeit praktizierten Rechtsprechung zeigt sich auch der Mangel an ausgebildeten Juristen im damaligen Russischen Reich. Dies hatte auch Peter von Oldenburg (1812- 1881), ein Urenkel von Zarin Katharina II., erkannt und gründete 1835 in St. Petersburg die Kaiserliche Rechtsschule, eine erste Ausbildungsstätte für Juristen in Russland.

Gedenktafel für Peter von Oldenburg in St. Petersburg
Gedenktafel für Peter von Oldenburg in St. Petersburg

Alexander Nikolajewitsch Radischtschew, Sohn eines Moskauer Gutsbesitzers, gehörte zu den 1766 von Zarin Katharina II. ausgewählten russischen Studenten, de auf Staatskosten in Leipzig Rechtswissenschaften studieren durften Die russischen Studenten bekamen allerdings einen gestrengen Hofmeister an ihre Seite gestellt und jedes Fach, jede Vorlesung war ihnen vorgeschrieben. Adieu, schönes Studentenleben!

Blick auf Leipzig
Blick auf Leipzig

Nach der Vorstellung von Katharina II. sollten die künftige Juristen in der von ihr angedachten Großen Gesetzeskommission mitarbeiten, die aber 1771, als die Studenten nach Russland zurückgekehrt waren, ihre Tätigkeit eingestellt hatte. So wurden die in Leipzig ausgebildeten Juristen eigentlich nicht benötigt. Enttäuscht und ihres Enthusiasmus beraubt, schob man sie auf weniger wichtige Posten ab. Radischtschew z.B. wurde stellvertretender Petersburger Zolldirektor.

Alexander Nikolajewitsch Radischtschew
Alexander Nikolajewitsch Radischtschew

Der Roman Reise von Petersburg nach Moskau brachte Radischtschew zunächst das Todesurteil ein, das dann in zehnjährige Verbannung ins sibirische Ust- Ilimsk umgewidmet wurde.

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Durch die Französische Revolution in Angst und Schrecken versetzt, sah die Zarin Katharina II. zur Aufrechterhaltung ihrer Macht sich gezwungen, revolutionäres Gedankengut im Keim zu ersticken, obwohl sie in jungen Jahren selbst der französischen Aufklärung zugetan war.

Nach dem Tode Katharinas II. durfte Radischtschew aus der Verbannung zurückkehren, beging aber 1802 Selbstmord. Erst Zar Alexander I., Enkel Katharinas II., rehabilitierte in vollständig.

Das Buch Reise von Petersburg nach Moskau wurde von Alexander Herzen 1858 in London gedruckt, ein Nachdruck erfolgte 1876 in Leipzig. Bereits 1793 erschienen in deutscher Übersetzung 6 Kapitel in der Deutschen Monatsschrift. Vermutlich kam der bisher unbekannte Übersetzer aus dem Kreis der ehemaligen Leipziger Studienfreunde von Radischtschew. In Russland selbst erschien das Buch erst nach der Revolution von 1905.

Alexei Petrowitsch Radischtschew (1824- 1896), Enkel von Alexander Nikolajewitsch Radischtschew und russischer Landschaftsmaler, begründete ein russisches Kunstmuseum in Saratow. Es war das erste russische Kunstmuseum in der Provinz und wurde „Eremitage an der Wolga“ genannt.

Porträt Alexei Petrowitsch Radischtschew v. I.J. Repin
Porträt Alexei Petrowitsch Radischtschew v. I.J. Repin

Abschließend möchte ich jeder heutigen Politikerin und jedem heutigen Politiker, egal in welchem Land und auf welcher Ebene, und natürlich allen politisch interessierten Menschen und Menschen, die sich für Russland interessieren, die Lektüre des Buches Reise von Petersburg nach Moskau ans Herz legen- insbesondere in unseren konfliktreichen Tagen- vor allem die Passagen über Völkerrecht, Rechtsprechung und Gleichheit eines jeden Menschen.
Die Reise von Petersburg nach Moskau ist ein Werk aus dem Jahre 1790, jedoch von aktuell gesellschaftspolitischer Brisanz.

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Nicht jede Reisestation und nicht jeder Gedankengang unseres Reisenden fanden in diesem Beitrag Erwähnung, denn das würde den Rahmen sprengen und Spoileralarm auslösen.

Endstation: Moskau
Endstation: Moskau

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Ein Gedanke zu “A.N. Radischtschew: Reise von Petersburg nach Moskau

  1. Thanks for this nice article. I have a copy of the 1790 edition and some later editions in Russian. I would like to get a copy of the German edition (preferably 1982 edition, and later one, if at all published)., especially regarding the introduction part. Could you help ? Thanks.

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