Russland ist anders – Deutschland auch

Russland ist anders – Deutschland auch

Über das Forum „Russland – Feind oder Partner? Unsere Beziehungen zur Großmacht im Osten“ in Magdeburg

Annegret Mainzer, Zerbst

Seit dem Jahr 2008 organisiert die Stadtverwaltung Magdeburg unter dem Titel Wissenschaft und Gesellschaft Vorträge und Diskussionsforen zu jeweils aktuell politischen Themen. So konnten im Jahr 2009 der deutsche Astronaut Thomas Reiter und 2013 die Nobelpreisträgerin Prof. Christiane Nüsslein-Volhard in der Ottostadt an der Elbe begrüßt werden.

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In diesem Jahr lud Magdeburg zu einem öffentlichen Forum zur Fragestellung Russland – Feind oder Partner? Unsere Beziehungen zur Großmacht im Osten ein. Kompetente Fachleute hatten die Organisatoren auf das Podium in der voll besetzten Johanniskirche gebeten: Matthias Platzeck, Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums e.V., Klaus Olbricht, Präsident der IHK Magdeburg, Professorin Gudrun Goes, Slawistin und Kulturwissenschaftlerin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, sowie Bernd Großheim, ehemaliger ARD-Korrespondent in Moskau. Die Moderation des Forums lag in den bewährten Händen der seit drei Jahren in Moskau lebenden TV-Journalistin Kerstin Palzer.

Den diplomatischen Faden wieder aufnehmen

Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper begrüßte die zahlreichen Besucher, unter denen auch einige Zerbster mit ihrem Bürgermeister Andreas Dittmann waren. In seiner Begrüßung erinnerte Magdeburgs OB einerseits an die Zeit des Kalten Krieges, andererseits auch an die allgemeine Freude über die deutsche Wiedervereinigung, aber bezugnehmend auf das Heute mahnte er, den abgerissenen diplomatischen Faden zwischen Europa und Russland wieder aufzunehmen, miteinander zu reden und nicht nur darüber nachzudenken, wie NATO-Truppen am schnellsten ins Baltikum verlegt werden können, was seitens des Publikums mit lautem Beifall honoriert wurde.

Die Basis für die sich anschließende Diskussion boten einleitende Ausführungen von Matthias Platzeck. Gleich zu Beginn kündigte er an, wenig darüber zu sagen, was die russische Regierung falsch gemacht habe, denn Kritik an Russland stelle zurzeit keine Marktlücke dar. Im gleichen Atemzug verwies er auch darauf, dass er nicht alles, was in Russland passiere, gutheiße.

Eine differierende Russlandrezeption in Ost und West

Anhand der von Oktober 2016–Januar 2017 auf der Burg Hohenzollern gezeigten Ausstellung 300 Jahre Beziehungen Romanow & Hohenzollern unterstrich Platzeck die jahrhundertlange tiefe Verbundenheit von Deutschen und Russen. Seiner Meinung nach seien europäische Kunst und Kultur nicht möglich gewesen ohne den mannigfaltigen Einfluss aus dem Osten. Des Weiteren führte er dem Auditorium vor Augen, dass bei uns die Wahrnehmungen Russlands differieren: Auf der einen Seite verklären wir Russland, sprechen von der sogenannten russischen Seele und Spiritualität, auf der anderen Seite assoziieren wir mit Russland – Kälte, Sibirien, das Barbarische, wo das Individuum nichts gilt. Auch in Ost- und Westdeutschland gibt es eine sich unterscheidende Russlandrezeption, oft verstünden die Westdeutschen nicht, weshalb die Ostdeutschen Sympathien für Russland hegten, obwohl sie 40 Jahre lang unter sowjetischer Besatzung leben mussten.

Matthias Platzeck, Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums e.V.
Matthias Platzeck, Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums e.V.

Russland ist anders, Deutschland auch

Matthias Platzeck unternahm den nicht einfachen Versuch zu erklären, warum Präsident Wladimir Putin unter seinen Landleuten enormen Rückhalt und Unterstützung findet, was manchen Europäer verwundern mag. Dabei erinnerte der Redner an die 90er Jahre, an den Zerfall der Sowjetunion, der nach seinen Worten einen wilden ungezügelten Kapitalismus in Russland hervorbrachte, in dessen Folge einige Wenige sehr reich wurden, die man heute die Oligarchen nennt. Erst als Putin Jelzin als Präsident ablöste, gab es in Russland eine wirkliche Chance für die Wiederherstellung einer sicheren und stabilen Staatlichkeit. Für die Russen bedeute Wladimir Putin Sicherheit und Stabilität, so Platzeck. Und so passten unsere westeuropäischen Maßstäbe nicht immer, setzte Platzeck sein Russland-Plädoyer fort, wofür es zustimmenden Applaus gab. Nach Meinung Platzecks seien folgende 5 Aspekte zu bedenken, wenn man über die heutigen Beziehungen zwischen Europa und Russland diskutiere: Der zuerst zu nennende Aspekt sei unser Triumphalismus, denn nach der Wiedervereinigung hätten wir zu sehr die Wir-haben-gewonnen-Mentalität herausgekehrt und Russland dabei an den Rand gedrängt. Des Weiteren gebe es strukturelle Fehler in der Vermittlung unseres Wertsystems, zu oft belehrten wir mit erhobenem Zeigefinger, führt Platzeck weiter aus. Auch in unserer Gedenk- bzw. Erinnerungsmatrix sollten wir sensibler werden. Während es z.B. aus Anlass des 70. Jahrestages zur Landung alliierter Streitkräfte in der Normandie offizielle Feierlichkeiten gab, wurde des 75. Jahrestages des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion nicht gedacht, auch nicht seitens der Bundesregierung. Das werde auch in Russland wahrgenommen, so Platzeck. Die Aspekte vier und fünf betrafen die Ukraine-Krise und die Sanktionen. Laut Platzeck könnten sie nicht bewertet werden, ohne die Vorgeschichte zu bewerten. Hierbei seien gravierende Fehler unterlaufen und auch er habe keine Lösung für die gegenwärtige Situation parat.

Abschließend bezog Matthias Platzeck sich auf Wladimir Putins Rede vor dem Bundestag im Jahr 2001, als dieser einen Platz für sein Land in der europäischen Sicherheitsarchitektur auf gleicher Augenhöhe einforderte. Zudem riet Matthias Platzeck zu einem Blick in die Geschichtsbücher. – Lang anhaltender und anerkennender Beifall dafür in der Magdeburger Johanniskirche.

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Russlands Identitätssuche bereits abgeschlossen?

In der sich anschließenden Diskussion zeigte sich, dass die Teilnehmer persönlich wie beruflich in unterschiedlichen Bereichen mit Russland in Berührung kommen. Während Politiker und Geschäftsleute wie Platzeck und Olbricht zum Beweis oder zum Widerlegen der einen oder anderen These aktuelle Zahlen aus der Wirtschaft parat haben, beruft sich die Kulturwissenschaftlerin Goes auf Dostojewski, Gogol, Leibniz und Peter I.. Die in Russland arbeitenden Medienvertreter Palzer und Großheim bereicherten die Diskussion mit persönlichen Erlebnissen vor Ort. Somit wurde eine Vielfalt von Aspekten ins Spiel gebracht.

Laut Platzeck war Russland erst in der kommunistischen Klammer und finde sich jetzt wieder in der Klammer der russisch-orthodoxen Kirche. Dem widersprach Prof. Goes. Sie meinte, Russlands Identitätsfindung sei noch nicht abgeschlossen.

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Sanktionen und Gegensanktionen- wer leidet darunter?

Von Kerstin Palzer nach den gegenwärtigen Beziehungen zwischen Sachsen-Anhalt und Russland befragt, antwortete IHK-Präsident Olbricht kurz: „Es könnte besser laufen.“ Seiner Ansicht nach würden nur die einfachen Leute in Russland darunter leiden. Und man solle sich bewusst machen, dass es für Russland auf der Welt noch andere Handelspartner gebe, nicht nur Europa., führte der IHK-Präsident weiter aus. Trotz des zurzeit rauen Klimas zwischen Europa und Russland halte man in Magdeburg an der Fortsetzung guter Kontakte nach Samara und Togliatti fest, so Olbricht. Der ehemalige ARD-Korrespondent in Moskau Großheim hielt nach eigenen Beobachtungen dagegen, dass die einfachen Menschen weniger von den Sanktionen, jedoch mehr von den Gegensanktionen betroffen seien, da u.a. das Angebot an Käse, Obst und Gemüse sich verringerte und demzufolge eine Preissteigerung nach sich zog. Laut Großheim würden die Begriffe Sanktionen und Gegensanktionen oft von deutschen Medien in einem Atemzug genannt.

Allerdings trat während der Diskussion klar zutage, dass die derzeitige durch Sanktionen und Gegensanktionen ausgelöste schwierige Situation für Russland eine Chance in sich birgt, die auch bereits zum Teil genutzt wird. Konkret gesagt, momentan erfährt die Landwirtschaft in Russland einen Aufschwung und Investitionen, Das Land nutzt eigene Ressourcen. Und wer weiß, ob bei Aufhebung von Sanktionen und Gegensanktionen die Handelsbeziehungen so weiter geführt werden können wie vorher?

Auch das Thema einer möglichen teilweisen Visafreiheit u.a. für den Studentenaustausch kam zur Sprache. Visafreiheit in verschiedenen Bereichen entkrampfe vieles, darin waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig.

Fazit des Abends: Viele Probleme in den zurzeit schwierigen Beziehungen zwischen Europa und Russland wurden konkret angesprochen, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Zahlreiche Erklärungsversuche abgegeben und anhand von Beispielen aus dem Leben illustriert, jedoch keine konkrete Lösung angeboten, außer den Appell an alle, Russland nicht außen vor zu lassen, sondern über Kontakte aller Art, miteinander zu reden und die Verbindungen zu halten. Denn Deutschland und ganz Europa brauchen Russland, um den künftigen Frieden zu gewährleisten.

Einladung zum KATHARINA-FORUM 2017

Deutsch-Russischer Wirtschaftsdialog des Landes Sachsen-Anhalt in Zerbst/Anhalt – Heimatstadt Katharinas der Großen vom 31.05. bis 01.06.2017

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 Zerbst, den 24.Februar 2017

 

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