Chor „Heiliger Wladimir“ aus Moskau mit gesungenen Gebeten in Zerbst

Chor „Heiliger Wladimir“ aus Moskau mit gesungenen Gebeten in Zerbst

von Annegret Mainzer, Zerbst

Immer des Sommers geht der seit 1993 bestehende Moskauer Männerchor Heiliger Wladimir unter Leitung und Dirigat von Nikolai Boglewski auf Deutschlandtournee, um einerseits den deutschen Musikinteressierten mit geistlichen und weltlichen A-capella-Gesängen aus Russland zu erfreuen und um andererseits Geld zur Unterstützung des Moskauer Wladimir-Kinderkrankenhauses zu sammeln.

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So konnte der Zerbster Kantor Tobias Eger am diesjährigen dritten Augustsonntag zum wiederholten Male den Moskauer Männerchor Heiliger Wladimir in der Hof-und Stiftskirche St. Bartholomäi zu Zerbst/Anhalt begrüßen. Die Moderation des Konzertes lag in den bewährten Händen von Dr. Heinz Wehmeyer, der Projekte der Deutsch-Russländischen Gesellschaft mit Sitz in Lutherstadt-Wittenberg betreut.

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In der ersten Konzerthälfte thematisierte der Chor Heiliger Wladimir musikalisch das Thema der Taufe in der orthodoxen Kirche. Einführend erläuterte Dr. Wehmeyer, worin sich die Taufzeremonie in der russisch-orthodoxen Kirche von der in den Kirchen des christlichen Abendlandes unterscheidet. So sang der Chor mit vollem Stimmeinsatz eine der Gottesmutter bzw. der Gottesgebärerin – Богородица – gewidmete Hymne.

Darauf folgte Der große Lobgesang, der den zwei heilig gesprochenen Mönchen Savati und Zosima gewidmet ist. Savati und Zosima haben auf der Insel Solovki ein Kloster gegründet und erlangten auch als Heiler Bekanntheit. Den großen Lobgesang, ein gesungenes Gebet, boten die sechs Chorsänger sehr einfühlsam als Bittgesang dar: Herr, erbarme dich unser, Herr zu dir kommen sie, Herr vergiss uns nicht.

In seiner Moderation machte Dr. Wehmeyer darauf aufmerksam, dass in der orthodoxen Kirche Taufen in sogenannten kleinen Taufkirchen mit dreimaligem Unterwassertauchen des Täuflings stattfinden. Am Morgen nach der Taufe kann der Täufling am Abendmahl teilnehmen. Es erklang nun als Vorbereitung auf das Abendmahl die Cherubim- Hymne Gnade des Herrn.

Die Tenor-, Bariton -und Bassstimmen der Chorsänger ließen anschließend sehr harmonisch den an die heilige Anastasia erinnernden Gesang Würdig ist ertönen. Der geistliche Teil des Konzerts fand seinen Abschluss in dem Lied Herr, du bist meine Erleuchtung.

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Aber auch der zweite Teil des Konzerts, d.h. der volksliedhafte Teil war geprägt von tiefer Gläubigkeit der Russen. Die 12 Räuber, aus der Feder von Nekrasov, wurden sehr gefühlvoll vom Bariton Valerie zu Gehör gebracht. Darauf folgten das Lied Auf der heiligen Erde und eine Kosakenromanze.

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Eine zum Greifen nahe Stille erfüllte den Kirchenraum von St. Bartholomäi, als der Tenor Lew Krasowitzki das laut Dr. Wehmeyer wohl schönste russische Lied Eintönig tönt das Glöckchen sang. Dieses Solo honorierte das Zerbster Publikum mit viel Beifall.

Gänsehautgefühl rief auch der Tenor Eugen Ung mit seiner erhabenen und gefühlsbetonten Interpretation des Liedes Sag mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben… in deutscher Sprache hervor.

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Eine musikalisch Mahnung des Chores an die Politiker unserer Tage. Vollkommen in seinen Bann zog Tenor Lew Krasowitzki das Zerbster Publikum mit seiner feinbesaiteten und malerischen Darbietung des hoffnungsspendenden Wolgaliedes des Zarejewitschs Alexej, das einst von Franz Lehar komponiert wurde.

Es steht ein Soldat am Wolgastrand,
Hält Wache für sein Vaterland.
In dunkler Nacht allein und fern
Es leuchtet ihm kein Mond, kein Stern.!

..

Hast du dort oben vergessen auf mich?
Es sehnt doch mein Herz auch nach Liebe sich.
Du hast im Himmel viel Engel bei dir! Schick doch einen davon auch zu mir .         

DSCN3487Chorleiter Nikolai Boglewski und Dr. Heinz Wehmeyer entließen die Zerbster nicht, ohne dass sie darauf hinwiesen, dass das Moskauer Wladimir-Kinderkrankenhaus von Dr. Carl Andreas Rauchfuss, dem bedeutendsten Kinderarzt Russlands im 19. Jahrhundert konzipiert worden war. Dr. Rauchfuss war der Sohn eines Zerbster Schneidermeisters gewesen.

Zerbst freut sich jetzt schon auf das Konzert des Chores Heiliger Wladmir im August 2017.

Zerbst, den 22. August 2016   Annegret Mainzer

 

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Eine historische Verbindung zwischen Zerbst/ Anhalt und Moskau

Eine historische Verbindung zwischen Zerbst/ Anhalt und Moskau

Das Moskauer Krankenhaus des Heiligen Wladimir

Seit mehr als ein Jahrzehnt startet der Moskauer Männerchor des Heiligen Wladimir seine alljährliche Deutschlandtournee in der Kirche St. Bartholomäi in Zerbst/ Anhalt, der Heimat von Zarin Katharina der Großen.

DSCN0218                                                                     St. Bartholomäi Zerbst/ Anhalt

Auf seinen Konzertreisen quer durch Deutschland wird der Chor sehr aktiv von der in Lutherstadt- Wittenberg ansässigen Deutsch- Russländischen Gesellschaft unterstützt.
Die meist gut besuchten Konzerte des 1993 gegründeten Chores des Heiligen Wladimir, der ausschließlich aus akademisch ausgebildeten Kirchensängern besteht, sind eintrittsfrei, jedoch bitten die Sänger am Schluss eines jeden Konzertes um eine Spende. Damit sollen einerseits die Unkosten der jeweiligen Tournee gedeckt werden, andererseits wollen die Chorsänger das Kinderkrankenhaus des Heiligen Wladimir in Moskau unterstützen.

Konzert in Zerbst 2015
Konzert in Zerbst 2015

Da Kinderkrankenhaus des Heiligen Wladimir in Moskau wurde in den Jahren 1876- 1878 erbaut. An seiner Errichtung und Ausstattung hatte der deutsch stämmige Kinderarzt Carl Andreas Rauchfuss, der Begründer der wissenschaftlichen Kinderheilkunde in Russland, wesentlichen Anteil.

Der Kinderarzt Carl Andreas Rauchfuss erblickte 1835 in St. Petersburg das Licht der Welt. Sein Vater Heinrich Friedrich Rauchfuss wurde 1795 im anhaltischen Zerbst geboren, wo er auch als Schneidermeister tätig war.

Blick auf Zerbst
Blick auf Zerbst

Carl Andreas Rauchfuss besuchte in St. Petersburg die seinerzeit bekannte Petrischule und absolvierte von 1852- 1857 ein Medizinstudium an der seit 1795 bestehenden Petersburger Mediko- Chirurgischen Akademie.

Carl Andreas Rauchfuss
Carl Andreas Rauchfuss

Nach erfolgreichem Studienabschluss arbeitete er zunächst als Kinderarzt und Pathologe im Petersburger Findelhaus. Auf einer Europareise befasste Rauchfuss sich sehr intensiv mit der Bau- und Funktionsweise dortiger Kinderhospitäler.
Als im Jahr 1869 in St. Petersburg auf Initiative des Prinzen Peter von Oldenburg (1812- 1881), eines Enkels von Zarin Katharina II., ein Kinderhospital eröffnet wurde, waren die Erfahrungen von Rauchfuss sehr gefragt. Ihm oblag auch die Leitung dieses Kinderhospitals.

Rauchfuss- Krankenhaus in St. Petersburg, 1912, Bulla
Rauchfuss- Krankenhaus in St. Petersburg, 1912, Bulla

Rauchfuss setzte sowohl in der Petersburger als auch in der Moskauer Kinderklinik auf eine stringente räumliche Trennung von infektiösen und nicht infektiösen Kranken, was auch in damaligen westeuropäischen Hospitälern nicht immer Standard war. Er führte Isolierstationen ein, um eine ungehinderte Ausbreitung von Epidemien zu verhindern. Des Weiteren befürwortete er eine zweijährige Assistenzzeit für junge Ärzte sowie die regelmäßige Weiterbildung des mittleren medizinischen und Pflegepersonals. Vor allem bei der Pflege von Neugeborenen setzte Rauchfuss sich für eine präventive Aufklärung der Eltern, Ammen und Kindermädchen ein.

Aufgrund seiner Erfahrungen in St. Petersburg wurde Rauchfuss auch beim Bau der Moskauer Kinderklinik des Heiligen Wladimir zurate gezogen. Auf der Weltausstellung in Paris im Jahr 1878 bekam dieses Krankenhaus eine Goldmedaille.

Zu den Verdiensten von Carl Andreas Rauchfuss, dessen familiäre Wurzeln im anhaltischen Zerbst liegen, ist noch zu ergänzen, dass er als einer der ersten Mediziner in Russland das Tragen von weißen Kitteln anordnete. Außerdem führte er erstmalig in Russland einen Luftröhrenschnitt bei Kehlkopf- Diphterie durch.
In der von ihm geleiteten Kinderklinik kam es zu einer enormen Senkung der Säuglingssterblichkeit, was wohl auch dazu führte, dass Rauchfuss 1876 zum Leibpädiater der Kinder des Zaren ernannt wurde. Stets pflegte Rauchfuss den Erfahrungsaustausch mit seinen ausländischen, aber auch inländischen Kollegen, war gern gesehener Gast auf wissenschaftlichen Kongressen und Mitbegründer der Petersburger Fröbel Gesellschaft im Jahr 1871.

Ausführlichere Informationen zum Wirken von Carl Andreas Rauchfuss, Sohn eines Zerbster Schneidermeisters, sind nachzulesen im Zerbster Heimatkalender 2015.

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Bei künftigen weiteren Konzerten des Moskauer Männerchores des Heiligen Wladimir sollten die Konzertbesucher unbedingt auf die historische Verbindung zwischen Zerbst/ Anhalt und Moskauer aufmerksam gemacht werden.

Auftritt in Zerbst, 2009
Auftritt in Zerbst, 2009

Foto: Chorauftritt 2009 von Lydia Kulot, Zerbst

Quelle:
Mainzer, A.: Ärzte und Apotheker aus Anhalt im Russischen Reich. Zum 100. Todestag von Carl
Andreas Rauchfuss, Sohn eines Zerbster Schneidermeisters
in: Zerbster Heimatkalender 2015
Hr.: Verein für Regionalgeschichte Anhalt- Zerbst e.V., S. 160- 173