Prof. G. Verheugen: Nennen Sie es das Signal von Zerbst!

 Prof. G. Verheugen: Nennen Sie es das Signal von Zerbst!

1. Katharina-Forum 2018, ein deutsch-russischer Wirtschaftsdialog in Zerbst/Anhalt (Teil 1- Die Politiker)

Annegret Mainzer, Zerbst

Das 1. Katharina-Forum, ein deutsch-russischer Wirtschaftsdialog in Zerbst/Anhalt, der Heimatstadt Katharinas der Großen, fand am 31. Mai und 01. Juni d.J. unter der Schirmherrschaft von Dr. Reiner Haseloff, Ministerpräsident des Bundeslandes Sachsen-Anhalt, statt. Das 1. Katharina-Forum wurde von ca. 170 Vertretern der Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Politik sowohl aus Deutschland wie auch aus Russland besucht. Initiiert wurde das 1. Katharina-Forum vom Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung Sachsen-Anhalt, der Stadt Zerbst/Anhalt unter aktiver Mitwirkung des Internationalen Fördervereins „Katharina II.“ Zerbst e.V. und des Fördervereins Schloss Zerbst e.V..

Höhepunkte bildeten zweifelsfrei neben den thematischen Panels der Impulsvortrag von S.E. Sergej Netschajew, Botschafter der Russischen Förderation in Deutschland, und das als Session-Keynote angekündigte Referat des verdienten Deutschland- und EU-Politikers Professor Günter Verheugen.

Beide Analysen waren von Ehrlichkeit, Offenheit, Unverblümtheit, praktischen Erfahrungswerten, Eloquenz und weitere Dialogbereitschaft geprägt. Nichts in den derzeit schwierigen deutsch-russischen Beziehungen auf politischer Ebene wurde weder von Botschafter Netschajew noch von Professor Verheugen beschönigt. Klare Worte am historischen Ort, d.h. in der ehemaligen Zerbster Reithalle, wo die Zerbster Prinzessin, die spätere Zarin Katharina II., Reitstunden absolviert hatte.

Botschafter Netschajew: Potenzial der deutsch-russischen Beziehungen nicht ausgeschöpft

Während am 1. Tag der 1. Katharina-Forums Botschafter Netschajew in seinen Ausführungen zunächst daran erinnerte, dass die aus dem Fürstentum Anhalt-Zerbst stammende Zarin Katharina II. eine weise und ausgewogene Wirtschafts- und Außenpolitik betrieben, den Außenhandel liberalisiert und Zölle gesenkt habe, verwies er im gleichen Atemzug darauf, dass der gegenwärtige Sanktionsdruck gegenüber Russland für den Ausbau der deutsch-russischen Beziehungen nicht förderlich sei.

Um so wichtiger sei es, Botschafter Netschajew zufolge, dass die interregionalen deutsch-russischen Kooperationen und die mehr als 100 deutsch- russischen Städtepartnerschaften den jetzigen Sanktionsfaktor ausgleichen würden. In diesem Zusammenhang nannte er das laufende deutsch-russische Kreuzjahr der kommunalen und regionalen Partnerschaften 2017/2018, das 2017 auf der Städtepartnerkonferenz in Kransodar ausgerufen wurde. Ein nächstes deutsch-russisches Kreuzjahr sei künftig auf den gebieten Bildung und Wissenschaft geplant. Seiner Meinung nach sind derartige deutsch-russische Kreuzjahre nicht nur für Russland und Deutschland, auch für Gesamteuropa förderlich.

Auf die Frage, wie er die deutsch-russischen Beziehungen in etwa 15 Jahren zu sehen wünsche, nannte der Botschafter folgende Attribute: aufschlussreich, vertrauensvoll, intensiv, kompetent und souverän. Russland sei dazu bereit, schob er nach.

Nach einer möglichen Visafreiheit für Deutsche in Russland befragt verwies Botschafter Netschajew auf bereits praktizierte Visaerleichterungen wie zur bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft. Jedoch machte er unmissverständlich klar, dass die Frage der Visafreiheit keine einseitige, nur von russischen Seite ausgehende Entscheidung sein könne, sondern eine bilaterale darstelle.

Botschafter S. Netschajew

Aus dem Impulsvortrag von Botschafter S. Netschajew:

Das Potenzial der deutsch-russischen Beziehungen ist noch nicht ausgeschöpft.“

Nach dem 2. Weltkrieg haben wir mit beiden deutschen Staaten viel erreicht.“

Wir (Anmerkung d. Red.: Russen und Deutsche) kennen uns

mehr als andere in Europa.“

Prof. G. Verheugen: Katharina-Forum – das Signal von Zerbst

Professor Günter Verheugens Rede bildete am 2. Tag des 1. Katharina-Forums einen fundierten Rückblick auf die jüngste Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, durchaus unterhaltsam gespickt mit persönlichen Anekdoten aus einem langjährigem Politikerleben.

Professor Verheugens Retrospektive begann im Jahr 1965, als er als Student das erste Mal in Moskau weilte. In weiteren Zehnjahresschritten setzte er seinen Erfahrungsbericht fort. Bereits 1975 besuchte Verheugen die damalige Sowjetunion als Mitglied der Delegation des Bundespräsidenten. Gleichsam humorvoll wie nachdenklich berichtete er von Begegnungen mit Leonid Breschnew, damaliger Generalsekretär der KPdSU. „Mit solchen Leuten wie Breschnew ist es uns gelungen, Verträge zu schließen. Und heute können wir das nicht? Das muss mir mal jemand erklären. Darin sehe ich keine Logik“, fragte er provokativ ins Publikum hinein und erntete dafür zustimmenden Beifall.

Prof. G. Verheugen

In seinen weiteren Ausführungen machte Professor Verheugen sehr deutlich, dass Russland nicht aus Europa herausgedrückt werden könne und dass Russland untrennbarer Bestandteil Europas sei. In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, dass heutzutage viele Politiker die Begriffe „Europäische Union“ und „Europa“ nicht immer im richtigen Zusammenhang benutzen.

Aufgrund seines großen Erfahrungsschatzes, dabei auch das Thema „Ukraine“ tangierend, kam Professor Verheugen zum Schluss, dass Einflussnahme auf die Politik eines anderen Landes nicht durch Druck passieren könne, sondern nur durch eine verlässliche Partnerschaft. Jedoch bekannte er auch, dass innerhalb der EU keine einheitliche Russlandpolitik erkennbar sei. Und einen Teil der Schuld daran, trüge auch die deutsche Regierung, so Verheugen.

Professor Verheugen machte noch einmal sehr deutlich, dass die Mehrheit der Deutschen

– eine gute Nachbarschaft zu Russland ,

Russland nicht belehren und schulmeistern

– und gegenüber Russland keine Drohgebärden und Eskalation wolle.

Wer kann für globale Balance in der Welt sorgen, wenn nicht wir Europäer?“, fragte Verheugen und schlug vor das 1. Katharina-Forum das Signal von Zerbst zu nennen, womit er ein neues geflügeltes Wort geprägt haben dürfte.

Aus der Session-keynote von Professor G. Verheugen:

Zerbst ist der beste Platz zum Nachdenken über die Wechselbeziehungen zwischen Russland und Deutschland.“

Wir sollten Russland nicht schulmeistern.“

Wir wissen, dass dem Krieg der Worte, der Krieg der Waffen folgt.“

Zerbst, 03. Juni 2018

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