Leipziger Ärzte und Apotheker in St. Petersburg und Astrachan

Leipziger Ärzte und Apotheker in St. Petersburg und Astrachan 

Blick auf Leipzig
Blick auf Leipzig

Leibarzt bei Zar Alexander I. war ab 1810 der aus Leipzig stammende Arzt und Anthropologe Conrad Joseph Kilian (1771- 1811), von dem zu Beginn des 19. Jahrhunderts zahlreiche medizinische Publikationen erschienen waren. Zuvor hatte Kilian bis 1795 als Geistlicher in Würzburg gewirkt, von 1801- 1803 als Arzt in Jena praktiziert und vor seiner Abreise nach Petersburg hatte er eine Professur für Medizin in Bamberg innegehabt.
Sein im Jahr 1800 in Leipzig geborener Sohn Hermann Friedrich hatte von 1810- 1816 die Petersburger Petrischule besucht. Seinem Medizinstudium ging er an den Universitäten Wilna, Leipzig, Würzburg, Göttingen und in England nach. In Paris sammelte er praktische Erfahrungen auf dem Gebiet der Geburtshilfe.
Im Jahr 1821 wurde er Professor- Adjunkt für Chemie an der Petersburger Medizinischen Akademie, wo er auch die Fächer Physiologie und Pathologie lehrte. Parallel dazu nahm er eine Arztstelle am Petersburger Militärhospital an. 1826 folgte er dem Ruf an die Klinik für Geburtshilfe nach Bonn, zuvor allerdings hatte er eine Bildungsreise durch Frankreich und Deutschland unternommen. Er verstarb 1863 im thüringischen Bad Liebenstein.

Der 1801 in Leipzig geborene Karl Ludwig Herrmann hatte an der Alma mater seiner Vaterstadt Medizin studiert und danach in Dresden praktiziert. Auf Einladung der Fürstenfamilie Golyzin ging 1836 nach Petersburg, wo man sein Wissen um die Homöopathie vor allem in solch angesehenen Familie wie Golyzin, Ostermann- Tolstoi und Mordvinov zu schätzen wusste. Herrmann initiierte die erste Anwendung homöopathischer Heilverfahren in den Heilanstalten Russlands. Seine Erfolge bei seinen Privatpatienten sprachen für sich. Unter diesen Patienten war auch der bekannte russische Komponist M. I. Glinka, der über Herrmann´s Praxis folgende Worte niederschrieb: „ Der zu jener Zeit bedeutende Herrmann konnte mir sehr helfen, ungefähr zwei Jahre befolgte ich die mir von ihm verschriebene Diät und seine homöopathischen Methoden konnten mich heilen.“
Herrmann gelang es mit dem Großfürsten Michail Pavlovič einen Vertrag darüber abzuschließen, der ihm gestattete, im Militärhospital in Tulšin vergleichende Untersuchungen zur Effektivität der Anwendung homöopathischer und schulmedizinischer Methoden durchzuführen. Zwar brachten die Untersuchungen nicht unbedingt den gewünschten Erfolg, doch Herrmann´s Erkenntnisse gaben der Entwicklung der Homöopathie in Russland weiterführende Impulse. Karl Ludwig Herrmann wurde Direktor der homöopathischen Heilanstalt von St. Petersburg, wo er auch 1836 verstarb. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit widmete er sich auch der Dichtkunst und Übersetzungen.

Der Apotheker Karl Iwanowitsch Osse, Sohn eines Bronzemeisters, wurde 1804 in Leipzig geboren. Er hatte das Gouvernement- Gymnasium in Petersburg und die Universität Dorpat besucht, wo er 1829 sein Provisorexamen ablegte. Einige Zeit später ging Osse nach Astrachan, wo er seine Apothekerprüfung bestand. Schon mehr als ein Jahrhundert vor der Ankunft von Osse in Astrachan war die dortige deutsche Gemeinde schon 100 Mitglieder stark.
In der Dienstliste der beruflichen Laufbahn des Kollegienrats Karl Ivanovič Osse, die am 12. September 1868 erstellt wurde, ist verzeichnet, dass Osse in Astrachan ein Steinhaus besaß. Des Weiteren gibt die Dienstliste Auskunft darüber, dass Osse 1835 in Astrachan aktiv mithalf, die Cholera zu bekämpfen, wofür ihm mit einer goldenen Uhr gedankt wurde.
Im darauffolgenden Jahr bekam er eine Anstellung als Apotheker in der Apotheke bei den Einrichtungen des Astrachaner Amts für allgemeine Fürsorge.
Über Osse wurde einhellig berichtet, dass er seine Kunden, d.h. die Krankenhäuser Astrachans und der Umgebung stets mit ausreichend Medikamenten versorgte und großzügig Rabatte gewährte. Aufgrund seiner beruflichen Kompetenz, seiner Bemühungen um das Allgemeinwohl seiner Mitmenschen wurden ihm weitere, teilweise auch ehrenamtliche Ämter angetragen. 1837 wurde er Direktor der Astrachaner Gefängnisfürsorge und 1849 Direktor des Alexandrinischen Waisenhauses. Im Jahr 1870 wurde Osse russischer Untertan. Sein in Astrachan geborener Sohn Ernst Peter Bernhard (1846- 1903), der die St. Annenschule und die Wiedemannsche Schule sowie das Gouvernement- Gymnasium in Reval besucht und der eine juristische und kaufmännische Ausbildung an der Universität in Dorpat absolviert hatte, erbte die Ämter seines Vaters. Doch 1891 verließ er seine Geburtsstadt. Astrachan und zog nach Reval, wo er zwei Jahre später eine Papierfabrik erwarb. Später arbeitete er bei der Wolga- Dampfschifffahrt. .
Sein Bruder Otto (1848- 1874) hatte Pharmazie studiert. Peter (1851- 1925), der jüngste der Söhne von Karl Osse, erhielt seine Ausbildung in Reval und Dorpat. Er lehrte an verschiedenen Bildungseinrichtungen in Fellin und Dorpat, wo er letztendlich Direktor der städtischen Realschule wurde. Karl Osses 1874 in Astrachan geborener Enkel Karl Gottfried hatte zunächst in Dorpat die Zeddelmannsche Privat- Lehranstalt besucht und an der dortigen Universität Pharmazie studiert. Später übernahm er die Apotheke seines Großvaters und führte diese bis zum für Russland folgenschweren Jahr 1918, in dem er auch verstarb.

Verwendete Literatur und Quellen:
1. Kahle, E.: Kilian, Hermann Friedrich, in: NDB, 11 (1977)
2. Marré, B.: Bücher für Mütter als pädagogische Literaturgattung und ihre Aussagen über Erziehung
(1762-1851): ein Beitrag zur Geschichte der Familienerziehung, Weinheim, 1986
3. Wiesing, U.: Kunst oder Wissenschaft? Konzeptionen der Medizin in der deutschen Romantik, Frommann
-Holzboog, 1995
4. http://www.deutsche-biographie.de/pnd116171388.html v. 07.03.2013
5. http://www.slavistik.uni-potsdam.de/petersburg/herrmann.html 27.09.2013
6. zaozernov.ru 27.09.2013
7. Bauer, W.: Karl I. Osse. Ein deutscher Apotheker im zaristischen Russland, Stuttgart, 2003
8. Zeddelmann, R.v.: Die Zeddelmannsche Privat- Lehranstalt 1875 – 1900, Lehrer- und Schüleralbum, Jurjew
(Dorpat), 1900
9. BBLd (online)

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