Das Philanthropinum Dessau und sein Einfluss auf Russland

Das Philanthropinum Dessau und sein Einfluss auf Russland

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Gut situierte russische und baltische Familien schickten im 18. und 19. Jahrhundert ihre Sprösslinge gern auf Schulen, an denen deutsch stämmige Lehrkräfte unterrichteten, aber sie entsandten sie auch nach Deutschland, so weisen die Einschreibelisten des 1744 in Dessau begründeten Philanthropinums 23 Schüler aus Livland, 7 aus Russland und 5 aus Kurland auf.

Der 1753 im vogtländischen Netzschkau geborene Friedrich Wilhelm Götze hatte sein Studium in Leipzig absolviert und als Lehrer am Dessauer Philanthropinum gewirkt, bevor er 1789 nach Riga ging. Dort leitete er von 1789- 1792 die Domschule und ab 1792 übernahm er das Rektorat des Rigaer kaiserlichen Lyzeums. Da aber Götze häufig erkrankte und aufgrund seines „heftigen Temperaments“ sehr oft im Umgang mit seinen Kollegen und Mitmenschen in Zwist geriet, seine Unterrichtsstunden nicht vollständig abhielt und den Unterricht gar zeitweise aussetzte, verstarb er im Februar 1801 als vereinsamter Mann. Seine Kollegen und Schüler begleiteten ihn auf seinem letzten Weg nur aus Pflichtgefühl. Götze hielt in Riga auch private Vorlesungen über Mechanik und die Lyrik Wielands. Götze sollte als Professor für Physik an der Universität Dorpat lehren, deren Wiedereröffnung zu jener Zeit schon abzusehen war, allerdings verstarb er kurz vorher.

Zu den Pädagogen, die am Dessauer Philanthropinum arbeiteten und sich im Russischen Reich einen Namen machten, gehört zweifelsohne auch Christian Hinrich Wolke (1741- 1825). Gebürtig ist er aus dem friesischen Jever, das seinerzeit zum Fürstentum Anhalt-Zerbst gehörte. Dank seiner schnellen Auffassungsgabe arbeitete Wolke bereits im Alter von 15 Jahren als Hauslehrer und in deutschen Klosterschulen. An der Göttinger Universität belegte er die Fächer Philosophie, Mathematik, Physik, Recht und Kunsttheorie.

1769 wurde Wolke Sekretär und Hauslehrer bei Pädagogen Johann Bernhard Basedow (1724- 1790), mit dem Wolke nach Dessau ging. Auf Anregung Wolkes und mit tatkräftiger Unterstützung des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (170- 1817) begründete Basedow das Philanthropinum in Dessau, eine Bildungseinrichtung, an der die Prinzipien der Aufklärung oberste Priorität hatten.

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Für diese neu geschaffene Lehranstalt entwickelte Wolke eine Methode zum schnelleren Erlernen des Lesens. 1776 erfolgte seine Ernennung zum Professor. Die aus Anhalt stammende Zarin Katharina II. lud Wolke ein, nach St. Petersburg zu kommen. Infolge von zunehmenden Unstimmigkeiten mit Basedow, entschloss sich Wolke zur Ausreise nach Russland. Vollkommen ohne Kenntnis der russischen Sprache ging Wolke an die Newa und lehrte die deutsche Sprache am dortigen Landkadettenkorps. Die ausgezeichneten Prüfungsresultate seiner Schüler machten von sich Reden und Wolke wurde ein gefragter Sprachlehrer in den vornehmsten russischen Adelsfamilien. Er unterrichtete in den Familien Orlow, Stroganoff und Kutusow. Die Privatstunden wurden um ein Vielfaches höher honoriert als der Unterricht im Kadettenkorps. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Wolke wohl seinerzeit der höchstbezahlte Lehrer in Petersburg war. Um von Wolke unterrichtet zu werden, schickten ihm seine Privatschüler sogar ihre Kutschen für die An-und Abreise. Von den 2000 Rubel, mit denen Zarin Katharina II. Wolke in ihr Reich gelockt hatte, bekam er schlussendlich nur 1500 ausgezahlt. Trotzdem zählte die Petersburger Zeit zu seiner schöpferischsten, denn hier verfasste er in den Jahren 1784- 1801 vier Bücher und zahlreiche Artikel, von denen die meisten am Kaiserlichen Kadettenkorps gedruckt wurden.

In Petersburg hatte Wolke gemeinsam mit seiner Ehefrau im Jahr 1786 eine private Schule eröffnet.

Noch heute bewahrt man in Petersburger Archiven sein Skizzenbuch aus den Jahren 1785/86 auf, in dem er seine Eindrücke von der Stadt niederschrieb und mit Bleistift und Tusche zeichnete. In seinen Zeichnungen hielt er nicht die architektonischen Schönheiten der Stadt fest, sondern skizzierte auch die Menschen aller sozialen Schichten, die ihm dort begegnet waren.

Als Wolke 1801 nach Deutschland zurückkehrte, setzten seine Schüler seine pädagogische Arbeit in Petersburg fort. 1825 verstarb Wolke in Berlin.

Auch Basedow war 1770 vom Fürsten Orlov nach Petersburg eingeladen worden, entschied sich aber in Dessau zu bleiben.

Ein weiterer Lehrer, der am Dessauer Philanthropinum gelehrt hatte und 1780 gen Russland ging, war der 1742 in Magdeburg geborene Johann Eberhard Friedrich Schall. Er arbeitete zeitweise an Bildungseinrichtungen in Poltava (heute:Ukraine), Pleskau (heute:Pskow/Russland), Mogilev (heute: Weißrussland) und Dorpat (heute:Tartu/Estland). Als Honorarprofessor durfte Schall sogar für kurze Zeit Probevorlesungen an der Moskauer Universität halten. Aufgrund seines starrsinnigen Charakters und seines steten Bestrebens nach Neuerungen, was sicherlich auch seinen häufigen Stellenwechsel verursacht hat, kam er schlussendlich im Jahr 1785 an das Petersburger Landkadettenkorps, wo er Unterricht in den Fächern Deutsch und Französisch erteilte und gleichzeitig als Inspektor fungierte. Im Jahr 1786 gab er das Lehrwerk Vocabulaire en trois langues heraus. Schall verstarb 1790 in Mitau.

 

Verwendete Literatur und Quellen:

Amburger, E.: Deutsche in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Rußlands, Die Familie Amburger in St.Petersburg 1770-

1920, Wiesbaden, 1986

BBLd online

Baur, S.: Charakteristik der Erziehungsschriftsteller Deutschlands. Ein Handbuch für Erzieher, Leipzig, 1790

Bleskina, O.N.: Х.Г. Вольке в Петербурге in: Немцы и развитие образования в России, St. Petersburg,1999

Erik Amburger Datenbank (online)

Koch, K.: Deutsch als Fremdsprache im Russland des 18. Jahrhunderts, Berlin, 2002

Lausberg, M.: Basedow und das Dessauer Philanthropin in: Tabula Rasa, Ausg. 39, 01/2010

Recke, J.F.v., Napiersky, H.E., Beise, Th.: Allgemeines Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikon der Provinzen

Livland, Esthland, Kurland, Bd.2, Mitau, 1829

Recke, J.F.v., Napiersky, H.E., Beise, Th. Allgemeines Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikon der Provinzen

Livland, Esthland, Kurland, Bd.4, Mitau, 1832

Specht, J.: Ich, Johann Bernhard Basedow …, Dessau, 1999

Zur Geschichte des Gouvernements- Gymnasiums in Riga, Riga,1888

 

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