13-jähriger Gymnasiast kämpft für Katharina- Denkmal in seiner Heimatstadt Twer

13-jähriger Gymnasiast kämpft für Katharina- Denkmal in seiner Heimatstadt Twer

Denkmal für Katharina II. in Zerbst/ Anhalt mit Blick auf elterliches Schloss
Denkmal für Katharina II. in Zerbst/ Anhalt mit Blick auf elterliches Schloss

Dass Teenager Interesse an der Historie ihrer Heimatstadt bzw. heimatlichen Region zeigen, ist in unserer durch Computerspiele und andere digitale Medien geprägten Welt wohl eher die Ausnahme. Davon zeugt auch das oft relativ hohe Durchschnittsalter der Mitglieder zahlreicher heimatkundlich bzw. historischer orientierter Vereine in Deutschland.
Auf die Frage nach den Ursachen für die Entwicklung vermag ich an dieser Stelle auch keine definitive Antwort zu geben. Jedoch bin ich davon überzeugt, dass zwei Faktoren eine wesentliche Rolle spielen, um das Interesse junger Menschen an der Heimatgeschichte bzw. für die Geschichte im Allgemeinen zu wecken: die Vorbildrolle des Elternhauses und der Geschichtsunterricht in der Schule.
Durch zahlreiche private und auch dienstliche Aufenthalte in Russland und in der Ukraine konnte ich hautnah erleben, dass dort die Auseinandersetzung mit der Historie und der damit verbundene Stolz auf die Heimat, d.h. der Patriotismus einen sehr hohen Stellenwert auch bei den jungen Menschen besitzen. Manchmal jedoch, gebe ich zu, hat diese Erziehung für mich einen etwas bitteren Beigeschmack, z.B. als ich nämlich in einem Moskauer Freizeitzentrum für Kinder und Jugendliche in Vitrinen ausgestellte Uniformen und Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg erblickte. Ohne Zweifel rechtfertigen die von den Menschen in der damaligen Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges erbrachten Opfer eine starke Identifizierung mit diesem Teil ihrer Geschichte, aber ein „ Aber“ bleibt in mir bei mancher Art der Geschichtsaufarbeitung. Wie jede Medaille birgt auch das Thema „ Heimatgeschichte“ zwei Seiten.

So war ich wiederum nicht überrascht, als ich auf der Webseite TVERLIFE.RU las, dass im Herbst letzten Jahres ein dreizehnjähriger Gymnasiast einen Brief an das Stadtoberhaupt der ca. 400 000 Einwohner zählenden Stadt Twer verfasst hatte, in dem er die Bitte äußerte, in dem erst kürzlich wiederhergestellten kaiserlichen Reisepalast seiner Heimatstadt, ein Denkmal für Zarin Katharina II. aufzustellen. In der Begründung des Schülers ist zu lesen, dass Katharina die Stadt Twer sehr geliebt habe und die Stadt der Monarchin sehr verpflichtet sei. Nach dem Brand 1763 sei die Stadt zu 80 Prozent zerstört gewesen. Hätte Katharina II. nicht große Summen für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt, hätte Twer nie eine Rolle in der Geschichte Russlands gespielt, so die Ausführungen des Twerer Schülers. Nachweislich gab Katharina II. die Anweisung, aus der Staatskasse 200 000 Rubel für den Bau von Wohnhäusern und nochmals 50 000 Rubel für das Decken beschädigter Dächer nach Twer zu schicken. Nach dem Willen der Zarin sollte Twer nun als eine typische europäische Stadt wiederaufgebaut werden. Schon im Jahr 1762 auf dem Weg zu ihrer Krönung nach Moskau hatte Katharina II. der Stadt Twer einen Besuch abgestattet. 1775 beehrte sie Twer erneut mit einer Visite
Angetan von dieser Bitte dieses Twerer Gymnasiasten, schrieb ich an die Redaktion von TVERLIFE.RU über unsere Aktivitäten rund um Katharina II. sowie über unsere Erfahrungen mit der Aufstellung eines Denkmals für Katharina II. in Zerbst/ Anhalt. Hinzu fügte ich noch ein paar Fotos, die das Geschriebene bestätigten. Außerdem ergänzte ich mein Schreiben mit Erläuterungen zum Wirken des Architekten Johann Friedrich Stengel, dessen familiäre Wurzeln im ehemaligen Fürstentum Anhalt- Zerbst liegen, beim bereits erwähnten Wiederaufbau von Twer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, um auf die historischen Berührungspunkte von Twer und Anhalt- Zerbst aufmerksam zu machen. Nach den Entwürfen von Johann Friedrich Stengel sind bis 1784 zahlreiche öffentliche Gebäude und private Wohnhäuser in Twer errichtet worden. Mein in russischer Sprache verfasster Beitrag wurde dann auch auf der bereits genannten Website veröffentlicht.
Mich interessierte aber nun auch der weitere Fortgang dieser Angelegenheit. Würde der Bürgermeister von Twer auf den Brief eines Dreizehnjährigen reagieren?
Schon am 23. Oktober vorigen Jahres erhielt er eine erste positive Antwort. Positiv insofern, dass das amtierende Stadtoberhaupt von Twer Alexander Korsin darüber informierte, dass er gemeinsam mit einem Expertenbeirat die Suche nach einer möglichen Finanzierung eines solchen Denkmals für Katharina II. in Twer unterstützen werde. Er verweist darauf, dass bereits im Mai des Jahres 1777 in Twer die Grundsteinlegung für ein solches Denkmal erfolgte und ein Obelisk wurde errichtet, der bereits 1811 abgerissen wurde. Entworfen war es vom deutschstämmigen Architekten Jurij (Georg Friedrich) Velten (1730- 1801). Der marmorne Grundstein wurde 1917 beseitigt.
Zu Beginn diesen Jahres rief die Twerer Zeitungs- und Radioredaktion der Komsomolskaja Prawda die Bürger dazu auf, einen Fond zur Finanzierung des künftigen Katharina- Denkmals in Tver zu gründen sowie zur öffentlichen Diskussion über seinen möglichen Standort.
Ich denke, wir Zerbster bzw. Anhalt- Zerbster, sollten den Einwohnern von Twer nicht nur Erfolg, sondern vor allem auch Durchhaltevermögen bei der Umsetzung dieses Vorhabens wünschen. Und diese vielleicht nicht so bedeutende Episode aus der Gegenwart Russlands bestätigt meine Worte, die ich stets den Besuchern des Zerbster Schlosses im Ersten Fürstlichen Vorzimmer vor dem Porträt Katharinas II. mit auf den Weg gebe, nämlich dass Zarin Katharina II. es verstanden hatte, das Russische Reich 34 Jahre lang so zu regieren, dass die Russen noch in unseren Tagen mit Hochachtung von ihr reden.

Zerbst, den 16.05.2015 Annegret Mainzer

Autorin Annegret Mainzer erklärt Touristen aus der russischen Stadt Oranienbaum das Erste Fürstliche Vorzimmer im Schloss Zerbst
Autorin Annegret Mainzer erklärt Touristen aus der russischen Stadt Oranienbaum das Erste Fürstliche Vorzimmer im Schloss Zerbst

Foto: Lydia Kulot

http://www.tverlife.ru/news/82700.html

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