Auf den Spuren der weit verzweigten Musikerfamilie Agthe im Baltikum und in Russland

Auf den Spuren der weit verzweigten Musikerfamilie Agthe im Baltikum und in Russland 

Namhafte Komponisten und Musiker wirkten in den einstigen Fürstentümern Anhalt – Dessau, Anhalt – Zerbst, Anhalt – Köthen und Anhalt – Bernburg und prägten das dortige Musikleben. Zu ihnen gehörte zweifelsfrei Johann Friedrich Fasch (1688- 1758), der ab 1722 bis zu seinem Lebensende als Hofkapellmeister in Zerbst angestellt war. Zu nennen sind auch auf Johann Sebastian Bach (1685- 1750) und seine Tätigkeit als Kapellmeister und Director derer Cammer – Musiquen von 1717- 1723 am Hofe des Fürsten Leopold von Anhalt – Köthen (1694 – 1728). Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang der Anhalt – Dessauische Hofkapellmeister Friedrich Schneider (1786- 1853), der von 1822 – 1853 im Dienste des Herzogs Leopold IV. Friedrich von Anhalt (1794 – 1871) stand.
Ein Überblick über die aus Anhalt stammenden Komponisten und Musiker, die im Zeitraum des ausgehenden 18. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert im Russischen Reich wirkten, ist im Zerbster Heimatkalender 2012 dargestellt. Dort fand bereits der aus Hettstedt stammende Komponist, Organist und Cembalospieler Carl Christian Agthe (1762- 1797) Erwähnung, der ab 1782 am Hofe des Fürsten Albrecht von Anhalt – Bernburg (1735- 1796) in Ballenstedt seinen Dienst als Kapellmeister und Organist versah.
Zuvor war Carl Christian Agthe in Reval (heute: Tallinn/ Estland) in Erscheinung getreten. Im Alter von 14 Jahren war er Musikdirektor und Pianist der von Nathanael Ernst Hündeberg (1743- 1793) gegründeten Theatertruppe, die nicht nur in Reval, sondern auch zeitweise in Riga gastierte.
Das Œuvre Agthes ist sehr umfangreich und eine Reihe seiner Werke wie die Singspiele Erwin und Elmire, Acontius und Cidippe, Das Milchmädchen und seine Komische Oper Martin Velten sind nachweislich in den Jahren 1777/ 1778 in Reval uraufgeführt worden. Die Uraufführung seiner Komische Oper Der Barbier auf dem Lande fand 1779 in St. Petersburg statt. Zu Agthes Werken zählt auch die Oper Die Spiegelritter zum Text vom aus Weimar stammenden August von Kotzebue (1761 – 1819), der als Dramatiker und Schriftsteller das Theater- und Literaturleben im Baltikum maßgeblich mitprägte.

Wer mehr über das Leben und Wirken von Carl Christian Agthe erfahren möchte, empfehlen wir die lektüre des zweibändigen Romans von Frank Rebitschek „Agthe der Mozart vom Mansfelder Land“ und “ Agthe- Den Briefträger trifft keine Schuld“.

Wilhelm Johann Albrecht († 1873), der 1790 in Ballenstedt geborene Sohn von Carl Christian Agthe, trat in die musikalischen Fußstapfen seines Vaters. Ab 1812 wirkte er im Leipziger Gewandhausorchester als Geiger. 1823 eröffnete er in Dresden eine Musikschule, die u.a. Carl Maria von Weber sehr wertschätzte. 1826 berief man Agthe jun. nach Posen (heute: Poznań/ Polen), wo er beauftragt wurde, eine Musikschule zu etablieren. Allerdings verließ er 1831 aufgrund der in Polen ausgebrochenen Unruhen Posen. Der Ausbruch der Cholera machte seine Absicht, eine ähnliche Lehranstalt in Breslau (heute: Wrocław/ Polen) einzurichten, zunichte. Schlussendlich ließ er sich 1832 in Berlin nieder. Die dortige von ihm geleitete Musikschule erfreute sich eines hohen Zuspruches und vor allem der Unterstützung durch das preußische Königshaus. Jedoch zwang seine Augenerkrankung ihn zur Aufgabe seiner Tätigkeit.

Der vorliegende Beitrag ist aber dem Wirken der Mitglieder der Familie Agthe im Baltikum und im Russischen Reich gewidmet, vor allem dem der in Hettstedt geborenen Brüder Karl Friedrich und Johann Andreas Agthe, deren Vater Andreas Agthe (1699- 1739) Organist und Lehrer an einer Mädchenschule in Hettstedt war.
Ab Mitte des 18. Jahrhunderts finden sich die Spuren von Karl Friedrich und Johann Andreas im Baltikum, bisher konnte noch nicht recherchiert werden, aus welchen Gründen sie ihre Heimat verlassen hatten.
Karl Friedrich Agthe (*1724) fand an St. Olai und an der Hl. Geist Kirche in Reval eine Anstellung als Organist. Er verstarb 1787 in Peude (heute: Pöide/ Estland). Sein 1762 in Reval geborener Sohn Andreas Michael, Absolvent der Universität Jena, übernahm ab 1782 das Pastorat in Peude. Dessen Sohn Wilhelm Andreas Fürchtegeott (*1789) wiederum, der an der Universität Dorpat studiert hatte, war ab 1823 Pastor – Adjunkt in Peude und nach dem Tode seines Vaters im Jahr 1817 bekleidete er das Pastorenamt bis zu seinem Tode im Jahr 1841. 1839 wurde Wilhelm Andreas Fürchtegott Agthe mit dem Orden des Hl.Stanislaus 3. Stufe geehrt.

Johann Andreas Agthe (*1733) ließ sich in Arensburg (heute: Kuressaare/ Estland), der größten Stadt auf der Insel Ösel (heute: Saarema/ Estland) nieder, wo er als Organist wirkte. Später schlug er eine Beamtenlaufbahn als Stadtsekretär und Kreisanwalt ein. Im Jahr 1803 wurde er von Zar Alexander I. geadelt und somit in die Oeselsche Ritterschaft aufgenommen. Johann Andreas Agthe war dreimal verheiratet und hatte 17 Kinder, von denen aber nicht alle das Erwachsenenalter erreichten. Unter seinen zahlreichen Nachkommen waren nicht nur Musiker, auch hochdekorierte Militärs, Geistliche und Bergbauingenieure und Ärzte. Er verstarb 1806 in Arensburg.

Sein ältester in Arensburg geborener Sohn Johann Friedrich (1756- 1808) widmete sich der Medizin. Er fand eine Anstellung als Arzt am Petersburger Smolny – Institut, wo seine Ehefrau Anastasia (1761- 1810) von 1787 – 1802 Clavicord – und Harfenunterricht erteilte. Ihre Tochter Anna gab später dort auch Musikunterricht. Enkelsohn Apollon Iwanowitsch (*1829) ging zum Militär und diente in der Stadt Wolsk und wurde Verwaltungschef der Militärschule in Saratow. Dessen Sohn Alexander Apollonowitsch (*1859) wiederum brachte es zum Generalmajor und war erster Direktor des 1913 gegründeten Kadettenkorps in Irkutsk. Sein 1857 geborener Bruder Antonin Apollonowitsch wurde am 1. Militärische Gymnasium St. Petersburgs ausgebildet und beendete kurz vor Ausbruch des russisch – türkischen Krieges die dortige Nikolai – Ingenieurschule. Er wurde sofort zu den Kämpfen bei Nikopol an die Donau versetzt, wo er sich durch den hervorragenden Umgang mit Belagerungstechniken auszeichnete. Davon zeugen seine Auszeichnungen wie ein Schwert mit der Aufschrift Für den Mut. Von solchen hochkarätigen Ehrungen konnte seinerzeit ein junger Offizier nur träumen. Nach Kriegsende diente er in Petersburg, Rumänien, Odessa, bei Warschau, in Turkestan. 1911 erfolgte seine Beförderung zum Generalmajor und er erhielt einen Führungsposten in Wladiwostok. 1917 erfolgte seine Entlassung aus der Armee. Er verstarb 1919 in Irkutsk. Im Laufe seiner Karriere wurde er mehrmals geehrt u.a. mit dem Orden der Hl. Anna, des Hl. Stanislaw und des Hl. Wladimir jeweils 3. Stufe.
Sein ältester Sohn Wladimir Antoninowitsch Agthe, 1894 in Odessa geboren, bekam eine militärische Ausbildung, die er am Vorabend des Ersten Weltkrieges, im Jahr 1913, in Petersburg abschloss. Bei Kriegsausbruch war Leutnant Wladimir Agthe Ordonanz beim Stab der 22. Infanterie – Division, die in Ostpreußen operierte. Seit frühester Kindheit begeisterte sich Wladimir für das Fotografieren, deshalb hatte er auch an der Front stets seine Kamera zur Hand. Seine an der Front gemachten Aufnahmen zeigen den Krieg ungeschminkt, wie er wirklich war. Er fotografierte im Kampf gefallene Russen, deutsche Soldaten, zerstörte Flugzeuge, deutsche Kriegsgefangene, Soldatenfriedhöfe, Unterstände der Soldaten und Telefonisten, … . Noch 1916 bekam er den Orden des Hl. Wladimir 4. Stufe. Als 1917 die Demobilisierung der russischen Armee begann, ermöglichte ihm ein von seinen Soldaten ausgestellter Schutzbrief die Reise nach Irkutsk zu seiner Familie. Doch 1921, als seine Frau schwanger war, wurde er gefangen genommen. Das Todesurteil, das ihn als ehemaligen Offizier der Armee des Zaren erwartete, wurde in Haft umgewandelt. 1932 wurde er ein zweites Mal inhaftiert, jedoch recht schnell rehabilitiert. Da es seinem Sohn Sergej gesundheitlich schlecht ging, entschloss er sich, Irkutsk zu verlassen, um sich im klimatisch besseren Ufa niederzulassen.
Johann Apollonowitsch (1866- 1922), ein weiterer Bruder von Alexander und Antonin, schlug gemäß der Familientradition die Offizierslaufbahn ein und hatte eine militär- juristische Ausbildung abgeschlossen und war demzufolge auch an Militärgerichten tätig. Nach der Revolution schloss er sich der Weißen Armee an, emigrierte später nach China. Sein Neffe Alexander Nikolajewitsch (1882- 1960), gebürtig aus Charkow, hatte 1909 die Chemische Fakultät des Petersburger Technischen Instituts Nikolai I. absolviert. 1912 bekam er dort eine Stelle als Laborant, in den Jahren 1914/15 durfte er auch Vorlesungen halten.

Von den Söhnen des Johann Andreas Agthe sollte unbedingt Adam Georg, vermutlich 1777 geboren, Beachtung finden. Adam Georg, der sich in russischer Manier Jegor Andrejewitsch nannte, machte ab 1792 in der russischen Armee eine beachtliche Karriere. Durch seinen Mut, seine Unerschrockenheit und Klugheit, die er während der Kämpfe gegen die napoleonischen Truppen bewies, war er bereits im Jahr 1803 zum Major befördert und mit dem Orden des Hl. Wladimir 4. Stufe geehrt worden. Er nahm an der Völkerschlacht bei Leipzig teil, wurde jedoch bei der Einnahme von Paris verletzt. 1816 erfolgte seine ehrenhafte Entlassung aus der Armee bei vollem Pensionsbezug. Er verstarb 1826. Ein Porträt von ihm befindet sich in den Galerien des Winterpalastes in St. Petersburg.

Ahte_Egor_Andreevich                                                              Porträt  Adam Georg Agthe von George Dawe

Sein Bruder Karl Andrejewitsch (1781- 1810) diente gleichfalls beim russischen Militär und nahm mit seinem Husarenregiment auch an Kämpfen gegen Napoleon teil. In der Schlacht bei Preußisch Eylau im Jahr 1807 erlitt er eine Verletzung und verließ daraufhin die Armee.

Ein weiterer Sohn von Johann Andreas Agthe war Christian Andrejewitsch (1770-1845), der im Jahr 1784 seine militärische Laufbahn unter dem Kommando des seinerzeit fast allmächtigen Fürsten Potemkin begann. Zwanzig Jahre diente er im Kleinrussischen Grenadierregiment. Seine Karriere ähnelt sich der seines Bruders Adam Georg sehr – Teilnahme an zahlreichen Kampfhandlungen, Verletzungen, Auszeichnungen. 1805 findet sich seine Spur in der Armee von Kutusow, die in Bayern operierte, 1806 jedoch kämpfte er bereits gegen die Türken u.a. bei Ismail. Sein Sohn Nikolai Christianowitsch (*1815), zunächst an der Universität in Charkow (heute: Ukraine) immatrikuliert, trat in ein Kürassierregiment der russischen Armee ein. Nachdem er die Akademie des Generalstabs absolviert hatte, kam er zum Generalstab. Drei Jahre später erhielt er auf Anordnung des Orenburger Gouverneurs den Auftrag, im Orenburger Gouvernement sowie in den angrenzenden Steppengebieten, die damals noch nicht zum russischen Staat gehörten, topografische Aufnahmen zu machen. Somit begann die vielversprechende Karriere als Miltärtopograf von Nikolai Christianowitsch Agthe. 1842 wurde er nach Sibirien beordert, wo er sich mit den Problemen des Verlaufs der russisch – chinesischen Grenze vertraut machte. Zum anderen entwickelte er einen Plan zur Reorganisation der Kosakentruppen am Baikal, der jedoch nie verwirklicht wurde. 1846 erfolgte seine Berufung in die Grenzkommission zur Kontrolle und Festlegung der Grenze zwischen Russland und Norwegen. Für diese Tätigkeit wurde er von russischer Seite mit dem Orden der Hl. Anna 2. Stufe und von norwegischer Seite mit dem Orden des Hl. Olaf 3. Stufe geehrt. Laurentius Nikolajewitsch Agthe (1835 – 1900), Sohn von Nikolai Christianowitsch, war wie sein Urgroßvater Johann Andreas, Organist, Komponist, Sänger, Dirigent und Musikpädagoge. 1882 gründete er in Helsinki eine Schule zur Ausbildung von Organisten. Seine Tochter Aino (1876- 1944) war eine erfolgreiche Sängerin, die an der Metropolitan in New York, an der Grande Opera in Paris auftrat und Mitbegründerin und Direktorin der Finnischen Nationaloper in Helsinki war.

Hermann Adolf Andrejewitsch (1775- 1832), geboren in Riga, ein weiterer Sohn von Johann Andreas Agthe, wurde auf die St. Petersburger Bergbauschule geschickt. Nach erfolgreichem Studium übertrug man ihm bereits im Alter von 25 Jahren die Leitung von zwei Bergbauwerken. Ab 1802 arbeitete er für die nächsten 30 Jahre in Jekatherinburg. Dort war er zunächst Gehilfe des Chefs des Hüttenkontors, stieg aber später zum Oberbergmeister und Berginspektor auf. Zudem gehörte er der Mineralogischen Gesellschaft St. Petersburg und Naturforscher Gesellschaft der Universität Moskau an.

Andrej Kasjanovič Agthe (1893- 1972) beendete das Moskauer Konservatorium und arbeitete als Musiklehrer an den Musikschulen Orenburg, Omsk und Sverdlovsk. Seine Grabstätte befindet sich in Jekatherinburg.

Quellen:
1. Erik Amburger Datenbank online
2. http://www.bibliothek-ballenstadt.de 01.10.2011;
3. Lomtev, D.: Deutsches Musiktheater in Russland, Lage- Hörste, 2003, S.31
4. Lebedur, C.v.: Tonkünstler – Lexicon Berlin´s von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, Berlin,
1861, S. 3f.,
5. slovari.yandex.ru 30.12.2013
6. http://www.answers.com/topic/rosa-von-milde-agthe 24.05.2014
7. Vierhaus, R. (Hg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie, München, 2007, S. 106
8. Baerent, P., Amburger, E., Speer, H.: Die evangelischen Prediger Livlands bis 1918, Köln, Wien,
1977, S. 152
9. Hasselblatt, A., Otto, G.: Album Academicum der Kaiserlichen Universität Dorpat,Dorpat,1889,
Nr. 582
10.http://www.proza.ru/2012/12/27/678 24.05.2014
11. http://www.grwar.ru/persons/persons.html?id=3737 24.05.2014
12.Agthe, W.: Пять веков на фоне семейного портрета
http://zxaaa.untergrund.net/demo_article.php?id=2876 25.05.2014
13. Mainzer, A.: Musikprofis aus Anhalt und das russische Musikleben
in: Zerbster Heimatkalender 2012, Zerbst, 2011, S. 163 f.

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