Der Zerbster Ferdinand Adolph Gelbcke in St. Petersburg

Der Zerbster Ferdinand Adolph Gelbcke in St. Petersburg

Schüler und Absolventen des Zerbster Gymnasiums Francisceum waren stets an deutschen und ausländischen Universitäten gern gesehen, denn sie galten als sehr gut auf ein Studium vorbereitet. Dies gilt auch für unsere heutige Zeit. So finden sich in den Reihen der Zerbster Francisceer solche bekannten Namen wie Gustav Adolf Stenzel (1792- 1854), der als Geschichtsprofessor an der Universität Breslau (heute: Wrocław/ Polen) lehrte. Auch der Verleger und Theologe Carl Christian Ph. Tauchnitz (1798- 1884) legte in Zerbst sein Abitur ab. Er erwarb sich Verdienste um die Herausgabe von Wörterbüchern und freikirchlicher Schriften, gründete aber auch mehrere Stiftungen für soziale Zwecke. Ein weiterer namhafter Abiturient war Dr. Franz Karl Münnich (1841- 1910), der als Direktor das Ulrichgymnasium in Norden sowie später das Gymnasium in Schwerin leitete. Zeitweise lernte Kurt von Schleicher (1882- 1934), der letzte Reichskanzler der Weimarer Republik, am Zerbster Francisceum.
Als ein weiteres Beispiel für eine > Francisceer- Karriere< soll an dieser Stelle die des Schriftstellers, Literaturtheoretikers, Musikpädagogen, Komponisten und Übersetzers Ferdinand Adolph Gelbcke, der am 06. November 1812 in Zerbst geboren wurde, betrachtet werden.


Gelbcke lernte bis zum Jahr 1828 am Zerbster Francisceum, so findet sich sein Name in dem in der Francisceums- Bibliothek vorhandenem Verzeichnis der Schüler des Francisceums 1803- 1903.
Da sein Name aber nicht in dem 1903 vom Gymnasialprofessor Georg Glöckner (1844- 1924) zusammengestellten Verzeichnis der Primaner von 1803- 1903, das in der Festschrift zum Hundertjährigen Jubiläum des Herzoglichen Francisceums zu Zerbst nicht zu finden ist, liegt die Vermutung nahe, dass Gelbcke sein Abitur nicht in Zerbst abgelegt hat.
Nach 1828 ging in die Lehre zu Eduard Anton (1794- 1872) nach Halle/ Saale, wo er in dessen Sortimentsbuchhandlung den Beruf eines Buchhändlers erlernte. Schon 1831 soll Gelbcke Teilhaber der Buchhandlung von Anton gewesen sein.
Von 1831- 1834 studierte Gelbcke Musik bei dem Organisten und Komponisten Friedrich Schneider in Dessau, der seit 1821 den Posten des Herzoglich – Anhaltischen Hofkapellmeisters bekleidete. Schneider hatte die Konzerte zu den acht großen Elbmusikfesten, die u.a. in Magdeburg und Zerbst stattgefunden hatten, dirigiert.
Im Anschluss daran ging Gelbcke nach St. Petersburg. Hier bestritt er zunächst als Gesangslehrer in kaufmännischen Familien seinen Lebensunterhalt. Er war als Geschäftsführer des von wohlhabenden Deutschen gegründeten Petersburger Wohltätigkeitsverein tätig, später übernahm er ehrenamtlich den Posten des Sekretärs dieses Vereins, welcher nicht nur die Reichsdeutschen in Petersburg finanziell unterstützte, sondern ihnen Arbeit vermittelte, preiswerte Wohnungen zur Verfügung stellte, Armen- und Erziehungshäuser sowie ein Knabenasyl führte und Rückkehrwillige unterstützte.
In den Jahren 1857- 1872 lehrte Gelbcke die deutsche Sprache, Literaturgeschichte und Gesang an der Petersburger deutschen St. Annenschule, die 1736 als Elementarschule gegründet worden war. Den Posten des Direktors des dem Petersburger deutschen Wohltätigkeitsvereins angegliederten Belosjelskij’schen Frauenasyls hatte er von 1849- 1882 inne.
Ferdinand Adolph Gelbcke war nicht nur ein viel beschäftigter Pädagoge, er griff auch oft und gern zur Feder. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die deutschen Übersetzungen zahlreicher Sonette von William Shakespeare, die 1867 veröffentlicht wurden. Ebenfalls übersetzte er den
Romanzyklus Gargantua und Pantagruel von François Rabelais (1494- 1553) aus dem Französischen ins Deutsche. Gelbckes Übersetzung dieser Parodie auf mittelalterliche Ritterromane, an der Rabelais fast zwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, erschien 1880 in Leipzig. Weiterhin übersetzte Gelbcke die letzte von Shakespeares Romanzen Die beiden edlen Vettern . Der Erstdruck dieser deutschen Übersetzung erschien 1890.
Aus Anlass seiner deutschen Übersetzung des Romanwerkes Tristram Shandy’s Leben und Meinungen, aus der Feder des englischen Schriftstellers Laurence Sterne (1713- 1768) stammend, verfasste Gelbcke 1868 in St. Petersburg ein eigenes Vorwort. Darin schrieb er: „ Bei aller Hochschätzung für meinen Autor habe ich also viele Stellen seines Buches recht ungern übersetzt, und oft hat es mir ein undankbares Geschäft erscheinen wollen, nach schwer zu findenden zweideutigen Ausdrücken und Redewendungen zu suchen, damit ein reiner Sinn ungehindert darüber hinweglesen könne, und ein minder reiner doch davon gekitzelt werde, wie es die stets geleugnete Absicht des Verfassers ist. So viel zu sagen, war ich mir selbst schuldig- (…) Tristram Shandy ist (…) ein Buch für Männer und nicht für Frauen, für das reifere Alter und nicht für die Jugend.“ Hier zeigt sich deutlich der Grundsatz, den Gelbcke stets bei seinen Übersetzungsarbeiten zu beachten versuchte,: „ dem Geist unserer Sprache gerecht zu werden, ohne doch die Eigenthümlichkeit des Originals ganz darin aufzugehen zu lassen.“
Aus der Feder von Gelbcke stammt ebenfalls, wie schon bei der Lebensbeschreibung des Komponisten Johann Christian Leopold Fuchs erwähnt, das Libretto zum Oratorium Peter der Große. Dieses von Gelbcke verfasste Libretto ist vom Dichter Platon Grigorjewitsch Obodowskij (1803- 1864) ins Russische übersetzt worden. Obodowskij hatte auch Schillers Don Carlos ins Russische übertragen.
Gelbcke übersetzte ebenfalls 12 Dramen der Zeitgenossen von William Shakespeare ins Deutsche, darunter Werke von John Lyly (1553- 1606), Christopher Marlowe (1564- 15939 und John Fletcher (1579- 1625). Die drei Bände mit diesen Übersetzungen sind in Leipzig herausgegeben worden. Gelbcke gehörte auch dem 1853 in St. Petersburg gegründeten Dichterverein Die Wolke an, zu dessen Mitgliedern u.a. auch Johann Meyer von Waldeck (1824- 1899), Herausgeber der deutschsprachigen St. Petersburger Zeitung, zählte.
Zu Gelbckes eigenen dichterischen Werken zählen auch die Dramen Albrecht Dürers Tod (1836) und die Tragödie Die Mutter des Strelitzen (1865). im Jahr 1842 erschien bei Breitkopf in Leipzig seine Komposition Zwölf deutsche Lieder op.1.
Über Albrecht Dürers Tod, sein Drama in zwei Aufzügen, war am 25. Mai 1837 in den Blättern für literarische Unterhaltung zu lesen, dass es ein gewöhnliches Stück sei, nur die allergewöhnlichsten Bühnenelemente verbrauche. Weiter wurde geschrieben: „ der Vers ist nicht übel und die Sprache bietet manchen guten Moment dar.“
Beigesetzt wurde Ferdinand Adolph Gelbcke auf dem Petersburger Evangelischen Smolenskij Friedhof. Seine Grabstätte scheint heute nicht mehr erhalten zu sein.
Im Jahrbuch der Deutschen Shakespeare- Gesellschaft (Band 28, 1893, S. 353) steht folgendes geschrieben: „ Friedrich Adolph Gelbcke ist am 08. Mai 1892 in St. Petersburg gestorben. Er hat Sonette Shakespeare’s und 12 Dramen von Zeitgenossen von Shakespeare’s übersetzt, ( siehe Jahrbuch, Bd. XXVI, S. 338) und sich dadurch um die Shakespeare- Literatur verdient gemacht“.

Gelbckes Sohn Carl Friedrich, der 1842 in St. Petersburg das Licht der Welt erblickte und dort von 1851- 1857 die St. Annenschule besuchte, machte in erster Linie als Pädagoge und Lehrer für alte Sprachen in Russland Karriere. Gelbcke jun., der in Göttingen und Berlin studiert hatte, arbeitete zunächst als Erzieher in einem bekannten Schweizer Internat. Nach seiner Rückkehr nach St. Petersburg lehrte er an der dortigen St. Annenschule und später am 3. St. Petersburger Stadtgymnasium. 1897 wurde er Schulrat und Vorsitzender der Prüfungskommission des Petersburger Lehrbezirks. Von 1869- 1874 wirkte er als Diakon der deutsch- reformierten Gemeinde und von 1893- 1907 als Direktor des Besborodko- Instituts in Neschin. Seine größte Leistung war wohl seine russische Übersetzung des Reallexikons des classischen Alterthums für Gymnasien, verfasst vom deutschen Philologen Friedrich Karl Lübker (1811- 1867). Zuletzt war Carl Friedrich Gelbcke verantwortlich für das Finnländische Lehrerwesen. Mit dem St. Annen Orden 1. Klasse wurde er 1901 geehrt. Seinen Ruhestand verbrachte er in Lippstadt, wo er 1922 kinderlos verstarb.

Quellen:
1. http://www.gymnasium-francisceum.de 01.09.2010
2. http://www.slavistik.uni-potsdam.de/petersburg/gelbcke/html 16.08.2010
3. Verzeichnis der Schüler des Francisceums 1803- 1903, S. 25
4. Busch, M.: Deutsche in St. Petersburg. Identität und Integration., Essen, 1995, S. 95 ff., 141
5. Erik Amburger Datenbank (online)
6. Gelbcke, F.A.: Tristram Shandy’s Leben und Meinungen, Hildburghausen, 1869, S. 5-10

Gymnasium Francisceum Zerbst/ Anhalt
Gymnasium Francisceum Zerbst/ Anhalt
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